Kunst

Zum ersten Male in meinem Leben habe ich heute eine Kunstklausur geschrieben. Sie dauerte sage und schreibe drei Stunden; eine praktische Arbeit und eine theoretische. Wir waren zu sechs, und ich glaube, ich habe sie ganz gut hinbekommen. Nach einer halben Stunde war ich mit der Zeichnung fertig. Julius, der ebenfalls mit mir schrieb, sah sie und sagte ziemlich laut: Mensch, du bist ja schon fertig ! Mein Kunstlehrer lachte. Ja, in der Kunst der Kunst bin ich ziemlich schnell; in der Kunst des Lebens nicht. Mein Freund Johann ist der weitem Abstand beste in Kunst; er sollte etwas aus seinem Talent machen.

Eigentlich war es ein guter Tag. Besonders stolz konnte ich schon gestern auf mich sein; bei der strengsten Lehrerin der Schule habe ich die einzige eins in einer Philosophiearbeit geschrieben. Eigentlich sollte man stolz sein. Doch ich war es nicht. Ich konnte es mir nicht erklären. Schon früher war ich bei besonderen Leistungen, die ich errang, nicht stolz auf mich. Stolz bin ich dann, wenn ich etwas erreicht, für das ich gearbeitet habe; wenn ich beim Radfahren nach zwei Stunden anstrengender Regenfahrt das Ziel erreicht habe; wenn ich meine hart umkämpften Italienischkenntnisse einsetzen kann. Aber diese Philosophieklausur....nichts habe ich für sie getan, ich habe einfach etwas heruntergeschrieben. Vielleicht bin ich auch zu selbstkritisch. Das war wie bei meiner ersten Italienischarbeit; ich hatte ebenfalls die beste Klausur in der Klasse, aber anstatt mich zu freuen, habe ich mich totgeärgert, dass ich den Plural von "amica" mit "amice" verwendet habe. Eigentlich sollte ich beginnen, stolz auf mich zu sein. Eigentlich. Ach, wisst ihr, ich bin es einfach nicht. Ich kann es einfach nicht. Manchmal bin ich Perfektionist; manchmal. Freitag schreibe ich meine zweite Italienischarbeit.

Schon einmal habe ich geschrieben, wie sehr ich zu hohe Erwartungen hasse. Einmal eins geschrieben- immer eins geschrieben: So erwarten es doch die Menschen. Letztes Jahr habe ich vier Mal hintereinander in Sowiklausuren eins geschrieben. Nach jeder eins stieg der Druck, und ich lernte richtig viel für jede einzelne Klausur. In Italienisch ist das so ähnlich, in Erdkunde wird dies vielleicht auch so sein. Ich hasse mich !

Aber Leben besteht nicht nur aus Noten; wäre auch schlimm, wenn es so wäre ! Heute war ich wirklich stolz auf mich, weil ich einmal ganz befreit geredet habe. Und jemand mich etwas gefragt hat. Und nicht irgendwer. Es war sie. Nein, ich bin nicht verliebt. Nein, ich habe es nicht vor, verliebt zu sein. Ich werde es nie sein...naja, auch egal. Wie schon gesagt, ich habe heute eine Kunstklausur geschrieben. In meinem Kurs ist auch Muriel. Sie ist ein unauffälliges Mädchen; sie ist ein ruhiges Mädchen, nicht so ausgeflippt wie die meisten. Sie hat eigentlich nie Schminke, sie braucht Kosmetik nicht. Sie ist natürlich. Ja, Muriel ist etwas besonderes.

Vor der Französischstunde hatte ich eine Freistunde. Mir war langweilig, ich ging schon ziemlich früh zum Raum hinauf. Vor dem Raum befindet sich eine größere Freifläche, dort warten immer einige.

Hey sagte sie zu mir. Ich begrüßte sie auch mit einem Hey, setzte mich gegenüber von ihr hin. Langsam holte ich meinen MP3-Player heraus. Solch ein Player ist praktisch, viel zu praktisch: Man muss mit aufgestöpselten Ohren mit niemanden mehr reden. Ich rede nie mit jemanden. Ich wusste, wir schauen uns wieder nur dumm an. Ignorieren. Ich finde das oft besser.

Wie hast du Kunst geschrieben ?

Verwundert. Ja, ich war verwundert. Muriel redet mit mir ? Ich kannte das Gefühl gar nicht. Nur schwer bekam ich ein "Ja, ganz gut" heraus. Ich habe dann immer einen schrecklichen Gesichtsausdruck; ich wirke ganz kalt, emotionslos, verloren. Ich zeige allen Menschen, wie sinnentleert doch meine Äußerungen sind.

Bei mir wars auch ganz gut....nur Julius hat genervt...

...und ich sitze neben Julius. Auf einmal merkte ich: Sie möchte etwas reden. Nicht viel; aber etwas. Mein Gott, stelle dich jetzt nicht so dumm an. Komm, mach etwas draus. Rede. Verkrieche dich nicht in die Musik deines MP3-Players. Bitte nicht. Du hast eine Chance.

Und ich fing an zu reden. Ich zwang mich dazu, doch dann funktionierte es. Es lief automatisch ab. Ich redete so, wie ich nur mit wenigen rede; locker, entspannt, angenehm. Mensch, ihr könnte euch gar nicht vorstellen, wie stolz ich war. Ich, der kleine, immerverlorene Mensch, ich redete ganz normal. Ich bin stolz. Oh, ihr Menschen und Völker dieser Erde, hört meine Worte: Ich kann es ! Und wenn ihr mich jetzt auslacht; tut es ruhig, mir ist es egal ! Murielsches Land. Ich kenne sie nicht gut, kaum eigentlich, und ich finde es peinlich, etwas mehr über sie zu schreiben. Aber was solls. Ich bin glücklich ! Ob Muriel weiß, was für ein Glück sie mir heute beschert hat ? Wohl kaum. Wahrscheinlich hat sie es schon vergessen.

Was ist sonst noch passiert ? Ich habe Cola mit Pfefferminztee getrunken. Sonst nichts. 

29.11.06 17:30

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen