Graffiti

Mit 12 Jahren begann ich regelmäßig mit dem Fahrrad in die fünf Kilometer entfernte Stadt zu fahren. Nach einigen Feldern fuhr ich durch einige Gewerbegebiete. In meiner Stadt steht eine ganze Menge alter Industrie; nach den Gewerbegebieten fahre ich immer an den Hallen alter Arbeit vorbei. An den Wänden stehen einige Graffitis, und ich las gerne die Sprüche, die dort gesprüht wurden; es war das spannendste an der ganzen Radfahrt. Manchmal lies ich mich von den über Nacht erscheinenden Sprüchen überraschen. Vor allem ein Spruch überraschte mich. Es war zauberschön. Den Spruch fand ich nicht nur an dem alten Eisenwerk; an der kleinen Apotheke am Bahnhof prangt er, an einer Gartenmauer neben der Bücherei und unter der Brücke über die Hauptstraße in die Stadt. Es war zauberschön. Irgendwie eine schöne Formulierung, dachte ich mich. Und ich sah mich in meinem Geiste selber irgendwann solche Sprüche an alte Eisenwerke oder Gartenmauern neben Büchereien aufsprühen.

Ich wollte mein Leben hinausschreien. Ich wollte, dass die Leute wenigstens etwas von mir Kenntnis nehmen; ich wollte irgendwelche Sprüche an irgendwelche W#nde sprühen. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich mehr kann. Ich wollte den Nervenkitzel merken. Aber niemals, niemals wollte ich dasselbe sprühen, als die anderen. Keine Tags; ich wollte mit meiner Sprühdose, mit meinen Eddingstiften, Welten erschaffen und Romane erzählen. Geschichten sollten an den Wänden prangen. So wie dieser Satz "Es war zauberschön". Er erzählte eine Geschichte; er zeigte mir, wie stark doch die Liebe ist. Er wirkte auf mich wie in einem Film; ich stellte mir eine Szene in einem Film vor, wie dieser Mensch diese Worte aufsprühte. Der Film imitiert das Leben; bei mir war es immer genau umgekehrt. Der Film prägt das Leben.

Nein, ich schaue nicht zuviel Fernsehen. Aber wenn man die reale Welt nicht kennt- dann greift man zu den Videos, DVDs und Fernbedienungen, um sie sich zu suggerieren. In Filmen gehe ich immer voll auf; nur zu oft fühle ich mit den Darstellern mit. Der Film entwickelte sich zu etwas, was ich realer ansah als die reale Welt. Am meisten liebe ich Jugenddramen. Vielleicht passt das auch zu meinem kleinen Leben...ich habe Jugenddramen immer gemocht. Sie waren nur zu oft Bild meines eigenes Lebens; doch der Film muss übertreiben, um etwas genauer darzustellen. Wenn ich den Film auf mein Leben übertrug, stufte ich ihn ab: Aus einer Selbstmordszene im Film wird eine Depression im eigenen Leben. Man muss sich den Film zurechtbiegen, damit er zum eigenen Leben passt, damit er zum eigenen Leben gehört.

Und dann mochte ich noch Highschoolfilme. Je kitschiger, destso besser. Highschoolfilme sind immer gleich: Das hässliche Entlein kommt mit dem coolsten Typen der Schule zusammen; am Ende steht die große Liebe an, und aus dem hässlichen Entlein wird ein Supertopmodel. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht gehofft hätte, dass es mir ähnlich ergeht. Ich träumte davon, dass jemand mich an die Hand nimmt und mich in die sagenhafte Welt des Lebens führt. Es musste kein Freund sein; es muss ein Lotse sein, ein Lotse meines Lebens. Ich hoffe immer noch, dass irgendwann ein solcher Lotse erscheint. Aber ich habe mit 17 schon eine Menge verpasst; in zwei Jahren mache ich Abitur. Und dann ? Dann ist die sagenhafte Jugend vorbei, ehe sie begonnen hat. Dann beginnt eine neue Zeit. Vielleicht gibt es ja einen Menschen, der mir als Lotse dient, der vielleicht nur darauf wartet, dass ich erscheine. Und doch sagt mir meine Vernunft, dass dieser Mensch nur eine Illusion ist. Aber man darf doch träumen und hoffen ?

Ohne Träumen und Hoffen kommen wir im Leben nicht weiter. Wir können nicht immer vernünftig sein; wir müssen auch mal uns von unseren Gefühlen leiten lassen. Ansonsten erkalten unsere Herzen. Wir leben in einer Welt, die Gefühlskälte als größtes Ideal präsentiert; in der wir kalten Herzens durch die Straßen stolzieren; in der Geld und Konkurrenz den Ton angeben. Was ist das für eine Gesellschaft, in der wir leben ? In der wir durch die Straßen hetzen, auf der Suche nach den neuesten Trends, up-to-date, immer in und aktuell. Auf der wir verzweifelt nach etwas suchen, das uns Halt gibt; und nur zu oft fühlen wir uns nur im Mainstream der Zeit wohl. Wir suchen nach Inseln im Meer des Lebens, und scheinen sie dennoch nie zu finden. Wohin, mein Freund, wohin werden wir gehen ? Was sind unsere Ziele ? Und wenn es letztere doch wirklich gibt- wie sehen sie aus ? In dieser kalten, viel zu kalten Welt leben wir- geleitet von der immergleichen Vernunft, genormt auf den eigenen Vorteil, den eigenen Nutzen. Genormt auf das regungslose Zusammenspiel vieler kleiner Zahnrädchen wie in einer Maschine. Genormt auf den Untergang- vielleicht, vielleicht auch nicht. Warum müssen wir alles der Logik unterwerfen ? Können wir nicht einfach Bereiche finden, in denen nur unsere Gefühle den Ton angeben ? In denen wir wir selbst sind, in der wir uns nicht den Normen und Regeln unterwerfen. In denen wir leben- und nicht nur so tun, als ob. Lasst uns träumen und leben ! Lasst uns einfach einmal gehen, lasst uns Ruhe genießen, lasst uns die Welt lieben.

Sommerwind weht durch mein Haar, ich sehe nur die weiten Ebenen Dänemarks; ich schaue zurück und sehe die Silhouette Kopenhagens, dieser sagenhafte Metropole zwischen Mittel- und Nordeuropa. Und ich spüre mich, bin glücklich, einfach nur glücklich. Die Sonne geht unter, langsam verschwindet sie hinterm Horizont- doch bevor sie dies tut, blendet sie die Erde mit ihrer ganzen Schönheit. Ich mag solche Augenblicke; ich hoffe dann manchmal, dass eine neue Ära in meinem Leben beginnt. Ich liebe die Welt. Aber sobald die Sonne verschwindet- dann ist die Welt so wie immer; dann bestimmt die Routine den Takt und ich verschwinde in den Fluten der Gesellschaft. Ich frage mich manchmal in solchen Situationen, ob nicht das Leben wirklich so zerrissen sein muss; ob ich nicht immer im Mainstream leben könnte. Ich wünsche es mir zu oft, doch meine Vernunft sagt mir, dass dies nicht geht; ich bin zu anders, um dem Mainstream anzugehören. Aber vielleicht wurde dieses anders gerade deshalb geprägt, weil ich eben zufällig einmal außerhalb des Mainstreams war. Ich habe die große Autobahn verlassen und wandere über kleine, steile Bergwege. Niemand geht meinen Weg. Er ist viel zu anstrengend. Und wie oft, wie oft, blicke ich durch die Tannenspitzen auf die sehnsuchtsvolle Autobahn ! Weiter zu kommen. Ich habe die Autobahn einmal verlassen und ehe ein Lotse kommt, werde ich sie nie wieder betreten. Vielleicht einmal entlangwandern; wie im März letzten Jahres. Vielleicht. Ich glaube es nicht. Aber hoffen tue ich es schon. Auch wenn ich weiß, dass, wenn ich die Autobahn betrete, ich mir dann nichts sehnlicher Wünsche, als diese wieder zu verlassen.

Wie paradox, mein Freund, wie paradox ist das Leben !

28.11.06 18:11

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