Wettbewerb

Eigentlich soll ich etwas für einen Philosophiewettbewerb schreiben; doch irgendwie gefällt mir keines der vier Themen, die dort zur Auswahl stehen. Ich habe angefangen, mir fiel nichts ein, habe es weggelegt, wieder zu mir genommen; mir fiel immer noch nichts ein. Irgendwie werde ich das heute schon schaffen müssen.

Ein Berg voller Aufgaben, voller Klausuren: Morgen steht eine Deutscharbeit bevor. Deutsch kann ich ganz gut; die Lehrerin meinte, ich sei Klassenbester. Ich mag es nicht, als Klassenbester bezeichnet zu werden. Das hängt nicht damit zusammen, dass ich nicht stolz bin; natürlich bin ich stolz, sehr stolz sogar. Immerhin etwas, was ich kann. Aber die anderen merken dass auch, und schon erscheinen die Erwartungen am Horizont. Ich hasse diese Erwartungen. In Geschichte ist es genauso schlimm, bei jeder Frage starren mich gleich alle an. Und es gibt kaum ein schrecklicheres Gefühl, in einer solchen Situation nichts zu wissen. Ich verstehe mich selbst nicht, sie verstehen mich nicht, alle verstehen niemanden. Mir wäre es lieb, wenn die Menschen immer solche großen Stücke auf einen halten. Schnell fühle ich mich unter Druck gesetzt. Viel zu schnell.

Vielleicht war es auch dieser Druck, der mich einst, vor zwei Jahren, dazu veranlasste abzuhauen. Drei Wochen; drei Wochen sind eine lange Zeit. Später, in der Schule, erzählte ich etwas von Abenteuerlust; vom Ruf der weiten Welt, von Fernweh. Quatsch. Alles Lügengeschichten. Und die Menschen haben es mir geglaubt, die Lehrer, die Schüler, die Eltern. Vielleicht wollten sich auch gar nicht weiter nachhaken, weil sie Angst hatten, sie würden merken, dass auch sie eine Schuld tragen. Aber ich möchte meine dreiwöchige Odysse nicht an einzelnen Menschen festmachen. Man läd nicht eine solche Schuld einem anderen auf. Mensch, jetzt bin ich auf einmal der große Moralapostel...in Wirklichkeit ist das nicht so. Ich finde noch nicht Kraft, mehr dazu zu schreiben.

Ich hasse mich selbst; dieser Philowettbewerb drückt verdammt schwer. Dann muss ich gleich auch noch zu Johann, Französisch lernen. Ich bin eigentlich ziemlich gut in Französisch, Johann möchte nun mit mir lernen. Johann ist ein guter Kumpel von mir; wir kennen uns seit zehn Jahren. Und doch würde ich es nicht als Freundschaft bezeichnen. Es war eine Zweckgemeinschaft: Auf dem Schulhof der Grundschule standen wir beide alleine da, und freundeten uns schließlich an. So ist das halt. Die Zweckgemeinschaft hielt durch. Wenn wir weiter auseinander wohnen würden, dann hätten wir nichts miteinander zu tun. Kumpels eben. Außenseiter sind alleine, und sie freunden sich nur mit neuen Außenseitern an. Wenn nach dem Abi sich unsere Wege wahrscheinlich scheiden werden, wenn ich durch die Welt ziehe und er seine Studien nachgeht, dann werden wir Fremde. Das eigentlich schlimme aber ist, dass ich das gar nicht schlimm finde. Dann ist er eben weg; tut mir Leid, das so hart sagen zu müssen, aber so ist das halt. Man darf Menschen nicht zu sehr vertrauen, denn sonst verletzen sie dich. Ich habe das zu oft spüren müssen.

Vielleicht hatte ich ja immer die "falschen" Vertrauten. Vielleicht habe ich mich immer geirrt, vielleicht hatte ich auch nur Pech gehabt. Wer weiß. Ich weiß, eigentlich sollte ich nach mehr Freunden suchen. Nach mehr Menschen, denen man sich anvertrauen kann. Aber ich kann es nicht. Es ist schwer, sich aus seiner eigenen Welt zu befreien. Vielleicht sollte man es versuchen. Aber ich bin zerrissen, und dann kommt noch die Angst: Die Angst vor dem Abweisen. Die Angst davor, dass Menschen einen merkwürdig anstarren, wenn man sie um einen Sitzplatz neben einen bittet. Angst lähmt, lähmt die Gedanken, die Reaktionen, die Ideen. Ich habe Angst, manchmal, nicht immer. Es ist die Angst vor der Welt da draußen; der Welt mit ihren Menschen, die durch diese verlorenen Straßen eilen; und doch weiß ich, dass wir ohne sie nicht leben können. Meine Gefühle entziehen sich jeglicher Logik.

Es gibt Tage, wo ich mich selbst hasse. Das sind schreckliche Tage. Ich kann mich nicht im Spiegel anschauen; ich hasse meine Haare, meine Hände, meinen ganzen Körper. Ich hasse mich einfach. Ich habe noch nie geritzt. Wenn ich so weit bin, dann werde ich mich beim Psychologen melden. Dann ist es aus. Aber bei mir wirkt immer eine kleine Barriere; die kleine Barriere der Vernunft; die Barriere, die mich davon abhält, vollends in meine Welt zu entgleiten, und wenigstens etwas Anschluss zu suchen. Ich weiß nicht, wie lange es noch diese Barriere geben wird. Vielleicht ist auch sie verantworlich für meine Zerrissenheit zwischen meiner Welt und der normalen Welt; zwischen alt und neu, zwischen jetzt und bald, zwische hier und dort. Noch lebe ich, und ich werde es weiterhin tun. Die Welt ist nicht nur grau in grau. Es gibt Dinge, für die ich mich begeistern kann. Man darf niemals dahin kommen, dass man gefallen daran findet, sich in der schwärzesten Nacht zu sehen; ich glaube, es gibt viele Menschen, die so denken. Ich weiß, manchmal fand ich auch daran Gefallen; es ist einfacher, traurig zu sein als glücklich. Mein großes Ziel lebt in mir, und die Flamme des Lebens lodert noch.

In manchen Stunden meines Lebens träumte ich nur von der Ferne. Ich bin sehr gut in Erdkunde; mir haben andere Länder und Kulturen immer schon gefallen. Vor allem der Norden faszinierte mich; Sibirien und Schweden mit ihren ewigen Wäldern. Irgendetwas fand ich daran interessant, vielleicht auch herzerwärmend. Vielleicht auch, weil diese Gegenden so anders zu meinem Leben waren, zu meiner Welt, in der ich lebe. Ich träume vom Norden, von Kanada und Alaska auch, und vielleicht werde ich irgendwann dort leben.

Doch die Einsamkeit, die Einsamkeit, sie zerbricht jeden - den einen früher, den anderen später...

27.11.06 17:57

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