Nomaden der Liebe

Heute habe ich bereits etwas hier geschrieben; aber irgendwie kribbelte es bei mir in den Fingern. Manchmal habe ich einen merkwürdigen Drang zu schreiben, manchmal, nicht immer.

Sonntag ist ein Tag, den ich nur deshalb mag, weil dann frei ist. Es gab allerdings schon Tage, wo ich den Sonntag mehr hasste, als den Montag. Sonntag ist ein Tag, wo bereits der bevorstehende Montag bevorsteht; und damit eine weitere schwere Woche. Alle Wochen sind schwer, und diese ganz besonders: Drei Arbeiten bekomme ich wieder, drei schreibe ich. Was für ein Sysiphos-Programm ! Nun gut, da muss man durch. Man hat eben keine Wahl. Es wird schon weitergehen.

Heute habe ich etwas über einen Tag im März geschrieben. Vielleicht ist ja dem einen oder anderen aufgefallen, dass eine besondere Rolle Aysha spielt. Ja, es ist euch aufgefallen. Früher gab es ein kleines Kino in der Nähe der Hauptpost. Inzwischen ist dieses geschlossen worden, ich war nur einmal drin. Es war die letzte Verabredung mit Aysha, bei der ich mich so bescheuert verhielt; ich tat praktisch alles, damit sie weggeht. Wenn ich Menschen wirklich mag, entferne ich mich von diesen; vielleicht ist es eine Angst, sie zu enttäuschen. Aysha hat dies wohl am stärksten merken müssen, dafür tut sie mir Leid. Im Kino lief ein besonderer Film, "Nomaden der Lüfte". Ja, und ich war der Nomade meiner Welt, wandere von einem Ort zu anderen, ohne jemals eine feste Bindung einzugehen. Und Aysha ? Später sagte sie, wir hätten nichts miteinander zu tun gehabt. So stimmt das nicht, nein, sie lügt. Aber ich merkte nach drei Jahren Möchtegernliebe, dass dies die beste Variante ist. Inzwischen lüge ich auch, und so lügen wir beide. Aber meistens wird dieses Thema nur noch selten angesprochen, und so herrscht lächelndes Schweigen darüber.

Eine kleine Ausnahme bietet da der Physikunterricht. Ich sitze neben Hannah, ein nettes Mädchen, mit dem ich etwas, aber nur etwas, befreundet bin. Daneben sitzt wiederum Miguel. Miguel ist ein netter Junge und er macht kein Geheimnis daraus, dass er sehr, sehr gerne mit Mädchen ausgeht, und vielleicht auch etwas mehr...nunja, schweigen wir darüber, wie Aysha und ich über unsere Treffen schweigen. Miguel ist nett, und ich bewundere ihn dafür, mit dem Leben so locker umzugehen. Viele denken zwar, ich würde dies auch tun, aber es stimmt nicht. Ich rede gerne mit Miguel in Physik über Frauen und Mädchen, oft zur Erheiterung von Hannah, die zwischen uns sitzt. Es ist ein kleines Flüchtlingslager, diese letzte Reihe im Physikraum. Es tut mir gut, befreiend zu reden und dennoch ernst genommen zu werden. Ich bin nicht mit Miguel befreundet, auf keinen Fall; aber er akzeptiert mich so, wie ich bin, und das tut unglaublich gut.

Natürlich fällt oft das Thema auf Aysha. Miguel bewundert mich dafür, etwas, wenn auch noch so klein, mit Aysha gehabt zu haben. Aysha ist zur Zeit in den USA; und doch ist sie das begehrteste Mädchen der Schule. Und da steche ich heraus. Miguel hat uns beide einst gesehen; damals, vor knapp fünf Jahren. Er glaubt Aysha nicht und wenn er zufällig mitbekommt, wie ich erzähle, ich hätte nichts mit Aysha gehabt, lacht er mich aus und ruft nur "Blaue Brücke". Es war an der Blauen Brücke, wo er uns beide gesehen hat. Bis heute erzählt er jedem diese Geschichte. Aber die Leute werfen mir nicht vor, ich hätte gelogen. Man kann damit keine Nägel mehr hauen. Es ist uninteressant. Und darüber bin ich froh.

Die Zeit mit Aysha war dennoch schön. Wir freundeten uns erst an, und erst glaubte ich, mein Liebesbrief sei die Initiative für unsere Treffen gewesen. Es war kein Liebesbrief; es kam nur das Wort mögen vor. Man muss eben vorsichtig sein, dachte ich mir. Die Sorge war unbegründet. Zwei Wochen vorher wollte sie mir etwas bei einem Klassenausflug schenken. Zwei Wochen davor waren wir beide die ersten, die bei einer Party (der allerersten also) getanzt haben. Sie wollte etwas von mir, ich von ihr, und wir beide waren etwas verliebt. Aber wenn ich, wie jetzt, zurückschaue, merke ich, dass es gar nicht so einfach zu sagen ist, ob man verliebt war. Liebesbeziehungen werden beim Zurückblicken hochstilisiert; sie werden mit Emotionen verbunden, die gar nicht da waren. Sie werden verkitscht, sie werden als grandios oder grauenvoll beschrieben; aber meistens als beides. Vielleicht kann etwas mehr Nüchternheit nicht schaden.

Ich habe danach nur Aysha einmal darum gefragt, ob sie Zeit hätte. Und Hannah auch einmal. Beide haben verneint, beide haben es auf ihre eigene Art und Weise getan. Ich kann ihnen das nicht übel nehmen. Besonders gut sehe ich nicht aus (auch wenn man daraus etwas machen könnte, wie Miguel, Hannah und Anne bereits meinten). Charakterlich- nunja, rede ich nicht darüber. Das einzige, was ich einem Mädchen bieten kann, ist eine fremde Welt und neue Sichtweisen; aber man muss schon ziemlich starke Nerven haben, um das durchzustehen. Ich suche nicht nach einer Freundin, der Wunsch ist aber schon da. Noch einmal paradox. Paradox ist beinahe alles in meinem Leben. Mir erscheint vor meinem inneren Auge ein Bild: Eine Klippe, die steil zum Himmel führt; ein Sonne hinter der Klippe, die Silhouette eines Menschen vor diesem Glutball. Und er streckt den Finger nach oben, einfach nach oben.

Mir kommen öfters solche Bilder in den Sinn, ohne sie auch nur etwas zu verstehen. Sie erscheinen plötzlich und erwartet.

Wie die Liebe eben...

 

26.11.06 20:53

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