Ein Tag im März

Nach knapp zwei Tagen schreibe ich wieder etwas; das Wochenende ist praktisch vorüber, viel verpasst habe ich nicht. Gestern war es überraschend warm; es erinnerte mich an eine Sommernacht, so warm war es. Allerdings hat der Wind stark geweht und so hatte ich an einigen Stellen starken Seitenwind. Freitag- und Samstagabend vergeude ich meine Zeit mit Radfahren; im Dunkeln fühle ich mich besser geschützt. Das mag absurd und bescheuert klingen (und eigentlich ist es auch), aber man fühlt sich fern von den neugierigen Blicken der Welt. Das ist das schöne an der Nacht; und deshalb mag ich sie.

Die Fahrt gestern führte mich weit weg, an jene Straße und durch jenen Ort, mit dem ich viele Erinnerungen verbinde. Die Straße führt schnurgeradeaus. Sie ist breit, viel zu breit, vierspurig, mindestens. Man fährt mit einer unglaublichen Geschwindigkeit hinaus, hinaus aus der Stadt. Die Silhouette verschwindet. Ich mag diese Straße, sie ist die breiteste der ganzen Stadt, sie ist so gerade, sie ist ein Symbol- ein Symbol des Verkehrs, der Mobilität.

Nach einer Weile biege ich rechts ab. Ein Möbelkaufhaus ist in Sicht. Im Dunkeln sah es mit seinem blauen Neonlicht wie der neue Berliner Hauptbahnhof aus. Gigantonistisch. Man fährt über die wichtigste Autobahn Deutschlands. Dann ist man da. Dort. In jenem Ort. Aysha. Meine Pseudofreundin und meine große Pseudoliebe. Aysha. Sie wohnt direkt am Ortseingang, rechts. Jetzt lebt sie gerade in den USA. Auslandsjahr. Aysha. Ach, Aysha, vielleicht habe ich dich wirklich geliebt. In der Erinnerung wirkt der Nebel des Verschleierns.

Es war im März. Aysha hat im März Geburtstag, und Johann wurde eingeladen. Anne außerdem auch und Till sowieso. Der März kann ein schöner Monat sein, muss er aber nicht. Ich wurde nicht eingeladen. Ob ich beleidigt war ? Naja, ehrlich gesagt, ein bisschen schon. Mit Aysha stand ich so ganz gut, und dass Johann und Till eingeladen wurden hat mich schon etwas überrascht. Vor allem Till. Nun gut, ich sage ja immer, ich mag Partys nicht, obwohl ich sie in Wirklichkeit liebe. Ich habe niemanden, mit dem ich auf eine Party gehen könnte; deshalb sage ich einfach, ich mag sie nicht. So einfach ist das. Das Verblüffende: Es wird mir sogar geglaubt. Es passt einfach in das Bild eines Freaks.

Zwei Tage vor der Party kommt Aysha zu mir, drückt mir einen gelben Zettel in die Hand, lächelt mich an.

Du bist eingeladen.

Aha, nachträglich, aber bei Aysha kann und darf man nicht beleidigt sein. Die Party wurde an einem Samstag veranstaltet. Ich war in einem tiefgreifenden Konflikt: Sollte ich nicht gehen (so wie ich es allen immer erzählte, da ich ja keine Partys mag) oder sollte ich gehen (um mir merkwürdige Blicke gefallen zu lassen). Wahrscheinlich rechnete Aysha selbst nicht damit, dass ich kommen würde. Ich glaube, sie kennt mich besser, als mir lieb sein kann.

Ich ging.

Es erinnerte mich an die alten Tage, als ich mit Aysha etwas befreundet war (und manche meinten, wir hätten eine Beziehung gehabt, aber das stimmt eigentlich nicht; es war die Vorstufe zur Liebe und ich wagte es nicht, die nächste Stufe zu betreten). Ich nahm einen merkwürdigen Weg auf mich. Der Zug ins Ausland hält zwei Kilometer von Ayshas Ort. Eine etwas hügelige Straße verbindet Bahnhof und Ort. An jenem Samstag bin ich diesen Weg gegangen. Der Himmel präsentierte sich in ungekannter Weise; dicke, schwarze Wolken wurden vom Wind angekündigt, doch tauchten genauso viele blaue Flecken auf; der Himmel schien in dauernder Bewegung. Es bewegt sich etwas ! In meinem Leben ?

Die Party war wunderschön. Doch wenn ich zurückblicke, mag ich nicht mehr daran denken. Es kommt mir unangenehm vor. Dieses Gefühl ist mir unerklärlich. Habe ich vor etwas Angst ? Man muss sich entscheiden: Freak oder Mainstream. Ich habe mich fürs erstere entschieden, vielleicht sogar entscheiden müssen. Partys passen da nicht hinein. Ich fühle mich zerrissen, ach was, ich bin es doch. Zerrissen zwischen den Polen der Gesellschaft.

Ich habe die Pubertät eigentlich schon hinter mir. Ich bin 17, die Akne im Gesicht wird tatsächlich weniger. Ich muss mich rasieren, ich bin gewachsen, meine Stimme tiefer geworden. Körperlich passt es in die Norm. Aber gedanklich ? Persönlich habe ich mich nur wenig verändert. Ich sehe kaum einen Unterschied dazwischen, wie ich mit 12 Jahren dachte und wie ich jetzt denke. Sicherlich, man hat einen anderen Wortschatz, sicherlich, man artikuliert anders. Aber eine Veränderung ? Eine richtige Veränderung ? Nein, die habe ich nicht erlebt. Ich zeichen immer noch fiktive Karten von fiktiven Ländern mit ihren fiktiven Städten. Ich denke mir noch immer eine Traumwelt, ich bin immer noch sarkastisch. Ich kann mich immer noch für Brio-Bahn begeistern. Was bin ich kindisch ! Ich mag diesen Normdruck nicht, der von allen Seiten der Gesellschaft drückt. Mit 15 erste Freundin, mit 17 ersten Sex. Mit 14 spielt man nicht mehr mit kindlichen Sachen. Mit 15 Jahren muss dein Zimmer jugendlich aussehen. Mit 12 muss du zum ersten Mal geküsst haben. Mit 15 deinen ersten Alkoholrausch.Ich weiß, viele denken, man soll stolz darauf sein, dass man anders ist. Ist doch toll ! Und wer sagt das ? Die Leute, die normiert sind. Ach ja, diese Welt benötigt den normierten Menschen. Von normiert zu uniformiert ist es nur ein kleiner Schritt...oh Gott, was schreibe ich da für Worte ! Naja, man wird eben sarkastisch.

Einen große Seufzer für alle Menschen dieser Welt !

26.11.06 11:13

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