Anne

Meine Virusdatenbank wurde aktualisiert, wo ich damit beginne, etwas über den heutigen Tag zu schreiben. Er ist noch nícht vorbei, ich weiß. Aber mir soll es nun egal sein.

Die Welt vergisst sich im Regen; es regnet ununterbrochen, und wenn nicht, dann steht sie kurz davor. Der Herbst ist praktisch vorbei, er verabschiedet sich schmutzig und grau; wie jedes Jahr. Der Winter klopft an die Tür. Nicht mit den Temperaturen, sondern mit den Bäumen und Blättern. Die gelben Blätter ergeben eine dicke, feuchte und matschige Schicht. Merkwürdigerweise sind dieses Jahr beinahe alle Blätter gelb. Die rötlichen scheint es dieses Jahr nicht mehr zu geben. Vielleicht hatte der liebe Gott etwas gegen rote Blätter.

Heute hatte ich eine einzelne Deutschstunde. Es war die erste Deutschstunde nach jenem Tag, wo mein Vater meine Deutschlehrerin besuchte. Sie meinte ich sei Klassenbester. Und hätte viel, viel mehr Potenzial. Aha. Die Aussage nahm ich überraschend wahr, schrieb ich doch eine zwei plus. Egal. Dieser Blog soll nicht dazu dienen, meine Schulleistungen nach Noten zu kommentieren. Schule ist mehr als nur Noten. Ärger zum Beispiel. Oder Freunde, die keine Freunde sind. Nein, ich will mich nicht zu schlecht reden, als ich bin. So schlimm steht es nicht um mich. Aber an manchen Tagen denke ich schon so...eben nur an manchen Tagen. Es gibt Tage, die mich in himmelhochjauchzende Höhen kapitulieren, wo die Welt ein buntes Farbenmeer ist. Und dann folgen jene Tage, die ich in der einsamen Trübsal verbringe, in der die Welt grau und das eigene Leben schwarz aussehen. Gegensätze ziehen sich an. In der Liebe, in der Physik, im Leben...

Gestern Abend habe ich eine Dokumentation namens "Menschen hautnah" gesehen. Sie läuft auf WDR. Ich habe sie noch nie geschaut. Das liegt vor allem am späten Sendetermin: 22:30 Uhr. Aber diesmal habe ich es getan. Es ging darum, wie sich Menschen mit 18 fühlen. In der Liebe. Ja, die Liebe, darüber habe ich schon gestern hier geschrieben. Ich sehe ein Fenster, oder eine Veranda. Im Hintergrund eine große, weite, braun-violette Landschaft, ohne Gras. Ich kann nicht sagen, ob es Steppe oder Tundra ist. Ich sehe ein Mädchen mit langen braunen Haaren, wie sie auf der Veranda steht oder an diesem Fenster ihren Platz gefunden hat. Das Haar weht im Wind. Freiheit. Sehnsucht. Und dennoch Melancholie. Alles wirkt dunkel, alles aber auch violett. Ich kann mir dieses Bild nicht erklären. Es erschien einfach.

So erscheint vieles im Leben, plötzlich und erwartet, erschreckend und bestürzend. So funktioniert das eben.

Heute hatten wir Sport. Ich hasse die Sportstunden. Oder besser gesagt: Die jetzigen Sportstunden. Bei einigen Unterrichtsreihen habe ich Spaß, bei den meisten nicht. Dazu zieht Sport den Tag richtig auseinander. Johann und Anne sind auch bei mir im Kurs. Johann und Anne sind befreundet. Johann und Anne sind aber nicht verliebt. Ich bin nicht in Anne verliebt. Johann ist nicht in Anne verliebt. Aber Anne ist irgendwie süß. Sie sieht sehr gut aus, mit ihrem braun-blonden Haar. Und ihren t-Shirts. Sie hat einfach einen guten Geschmack. Das fehlt vielen Mädchen, nein, das fehlt vielen Menschen...Anne finde ich einfach süß, mehr nicht. Wir sind etwas mehr im Kontakt, durch Johann natürlich, und einmal wollten wir sogar zusammen ins Kino gehen; das hat sich aber im Nachhinein einfach zerschlagen. Ich bin oft sarkastisch zu ihr, zu oft, aber sie nimmt das offenbar nicht so ernst. Schließlich bin ich auch oft sarkastisch zu mir selbst. Sarkasmus hat einen Nachteil, wenn man es ernst meint, nimmt der Gegenüber dich nicht ernst. Aber das ist ein Nachteil, über den man hinwegsehen kann.

Ich mag Anne. Aber Liebe....nein. Ich mag sie einfach, aber niemals würde ich anfangen, sie zu lieben. Ich lebe in einem Alter, in der sich praktisch alles um die Liebe dreht. Wer mit wem, wo und wann. Doch in meinem Alter wird sie viel ernster genommen. Und wenn sie nicht kommt, dann versucht man sie zu erzwingen. Liebe ist eine scheue Zier, aber schade finde ich es, dass sie so kommerzialisiert und verkitscht wird. Liebe auf Knopfdruck, das fehlt unser technischen Gesellschaft noch. Es lebe die Liebespille ! Menschen, die sich unter Druck gesetzt fühlen, hängen sich jedem an den Hals. Und denken gleich, es sei die große Liebe. Was ist schon große Liebe ? Die Gefühle verspotten den Verstand.

Jaja, die Gefühle verspotten den Verstand, weil der Verstand denkt, er verspotte die Gefühle.

23.11.06 17:26

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