Unerfahren

Die gute Laune des gestrigen Tages ist verschwunden. Sie hat sich aufgelöst. Heute hat es ziemlich stark geregnet. Auf der Rückfahrt bin ich ziemlich nass geworden. Die Wolken hangen tief und es sah aus, als hätte jemand schmutziges Wasser über ein Aquarellbild gegossen. Zur Stadt hin erschien der Himmel auf merkwürdige Weise rötlich. Ich bin froh, zu Hause zu sein.

Mittwoch ist immer der Tag, an dem das Wochenende in die Nähe rückt. Wenn ich um 15:45 Uhr meine Schule verlasse, atme ich zuerst tief durch. Der größte Teil der Woche ist vorüber. Ich bin froh. Noch froher war ich allerdings, dass die letzte Englischstunde in dieser Woche nunmehr hinter mir ist. Englisch ist wie ein Spießrutenlauf. Heute wurde ich wegen meinem verpatzten Referat angesprochen. Von Marie. Ich rede nie mit ihr. Sie redet nie mit mir. Wir ignorieren uns. Dass heißt nicht, dass wir uns zerstritten haben. Dass wir uns hassen. Wir wissen einfach, dass wir zu verschieden sind. Und ignorieren uns.

Julius hat das Referat, so glaube ich, besonders ausgenutzt. Er hält zu mir, er ist der einzige, der mich mit der normalen Welt verbindet. Aber dennoch empfinde ich seine Sympathie zu mir manchmal als eine Belastung. Ich kann mir das nicht erklären wieso, aber es ist einfach eine Belastung für mich. Dabei möchte ich ihn nicht verprellen. Ich will ihn nicht beleidigen. Zwickmühle.

Als ich zur Schule fuhr, zur Englischstunde denn davor hatte ich zwei Freistunden, traf ich Hannah und Olga. Wir sind etwas befreundet, aber nur etwas. In Bio sitze ich neben Hannah. Und mit Olga war ich letztes Jahr in einem Erdkundekurs. Manchmal glaubte ich, Olga habe sich in mich verleibt. Ich konnte das nie akzeptieren. Surreal, ja, es erscheint mir surrela, dass sich ein mensch in mich verliebt. ich bin zu schief für diese Welt. Ich bin zu anders. Es heißt, amn müsse sich mit 14, 15 verlieben und eine Freudnin haben. Ich bildete mir ein, ich sei verliebt in Aysha. Aysha sieht furchtbar gut aus, hat einen furchtbar netten Charakter. Ich mag sie. Aber ob es Liebe war....jetzt ist sie erstmal in Kanada, Austauschprogramm. Nein, es war keine Liebe. Es war Liebe, weil man sagte, es müsse Liebe sein. Also keine Liebe. So funktioniert das eben. Wir prägen nicht unseren Charakter. Die Gesellschaft prägt ihn. Wie grauenvoll ! Und wir bilden nur ein Abbild der Erwartung...

Manche Leute sagen, ich bräuchte eine Freundin. Ehrlich gesagt, ich träume schon manchmal davon. Wer tut das nicht ? Und doch sagt mir mein Verstand: Bleibe Realist. Und das bin ich in der Liebe; in allen anderen Bereichen nicht so oft. Ich sehe nicht sonderlich gut aus. Meine schwere Akne ist größtenteils verheilt. Und meine Narbe am Kinn, hervorgerufen durch einen brutalen Fahrradunfall mit einwöchigem Krankenhausaufenthalt, sieht man so gut wie gar nicht mehr. Aber ich sehe dennoch schlecht aus. Die Haut wird bei mir so schnell rötlich. Ich verbringe viel Zeit draußen, viel Zeit mit Fahrrad fahren, mit Nachdenken, mit Verzweifeln...meiner Haut sieht man das an. Am schlimmsten aber ist die Akne auf dem Oberkörper und an den Schultern. Eine Pickelspur zieht sich über den Brustkorb. Wenn ich mich ausziehe, vor dem Sportunterricht, staunen manche darüber. Dann quellen die Augen auf, wie bei einem Tier, das man bestaunen darf. Uiii, guck mal. Und noch viel schlimmer wird es werden, wenn wir bald schwimmen. Das zeichnet sich bereits ab. Ich habe keien Angst davor. Aber doch Furcht. Ich sehe die Mädchen tuscheln. Und die Zeigefinger. Ich sehe viele Zeigefinger. Und mich. Mit seiner verkrüppelten Gestalt. Ich will nicht schwimmen !

Und die Liebe ? Ach ja, da kann ich nur seufzen. Ich bin 17 und habe noch nie ein Mädchen geküsst. Andere haben in meinem Alter das erste Mal. Das sind nicht wenige. Das ist der Durchnschnitt. Ich weiß, ich soll nicht darauf hören. Spätzünder meinen es viele. Aber es fällt schwer, nicht darauf zu hören. Es fällt schwer, wie andere erzählen, wie sie mit ihrer Freundin ausgegangen sind, wie schön doch die Abende waren. Da kann ich nicht mithalten. Ich habe andere Erfahrungen. Ganz andere. Als ich abgehauen bin, hatte ich mit zwei Männern sexuellen Kontakt. Ich habe noch die darüber geschrieben. Im Nachhinein empfand ich es als eklig. Aber hat mich das traumatisiert ? Nein. Merkwürdigerweise nicht. Ich gehe vielleicht wie ein minderjähriger Stricher damit um. Oh Gott, was bin ich erbärmlich ! Heute habe ich mir ein Buch über den Untergang von Gesellschaften gekauft.

Die Tage verbringe ich immer gleich. Routine. Samstag ist besonders schlimm. Dann fahre ich imemr in die Stadt, um dort herumzustreifen. Noch schlimmer wäre es, zu Hause zu bleiben. Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Meine Eltern wissen, dass ich keine Freunde habe, keine Partys feiere. Sie glauben, ich mag so etwas nicht. In Wirklichkeit liebe ich Partys. Aber vielleicht liebe ich mehr die Sehnsucht nach der Party als die eigentliche Party...wie bescheuert. Zumindest bin ich abends immer früh zu Hause, gegen acht oder neun Uhr. Dann gucke ich Fernsehen, udn während andere Spaß haben, schlafe ich bereits oder reise durch die Tiefen des Internets. Und Sonntag ist oft genauso schlimm. So stand ich einmal vor der Frage, ob ich die Woche oder das Wochenende mehr mag...nochmal sage ich, wie bescheuert das doch ist. Offenbar mag ich in vielen Dingen die Sehnsucht mehr, als die eigentliche Sache. Wo stehe ich überhaupt ? Wer bin ich ? Wo ist mein Platz in der Welt ? Ich frage euch: Wo ist mein Platz ?

22.11.06 17:35

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Nena / Website (22.11.06 17:44)
hey, du bist ja total süß so wie du schreibst ^^ solltest Schriftsteller werden aber ich wollte dich eigentlich nur bissl trösten, ich bin 18 und hatte auch noch nie einen Freund. Geküsst hab ich zwar schon. Eine Woche vor meinem 18. Geburtstag und es kam totaaaal überraschend ^^ früher war ich übrigens auch ein kleines hässliches Entlein nee wirklich und jetzt ... naja es wird glaub ich immer besser :D wünsch dir viel Glück und Zuversicht! Glg, Nena

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