Leben

Nichts, aber wirklich nichts, fürchte ich mehr als den morgigen Tag. Es wird jener Tag sein, an dem das Ende der Welt für mich bevorsteht, jener Tag, der mir erst dann Freude bereiten wird, wenn ich ihn abgeschlossen habe. Ich hasse mich selbst, für alles was ich kenne. Ich verpasse das ganze Leben, verpasse alles. Ich verbringe meine Tage in den dunklen Kämmerchen, um dort irgendwelche absurden Selbstgespräche zu führen, die von irgendwelchen fremden Welten handeln, die nur ich mich erschaffen habe. Der morgige Tag ist der Tag des totalen Untergangs, er entlarvt meine Erbärmlichkeit. Vielleicht passiert ja morgen irgendetwas, irgendwas halt, damit ich nicht zur Schule muss. Schwänzen kann ich nicht, zu viele Lehrer die eine Entschuldigung fordern, und dann müsste ich das auch noch Johann erklären...nein, ich muss da durch.

Alles, was ich schaffe, ist nichts. Dauernd habe ich irgendwelche Scherereien, die mich nur entfernt betreffen. Dauend Stress. Ja, ich weiß, in Amerika sieht alles noch viel schlimmer aus, sagt der eine Freund....der Pseudofreund denke ich manchmal und ich hasse mich für diesen Gedanken. Vorbei. Irgendwann muss ich schon meine Ruhe finden. Ich fühle mich leer, in einem ewigen Nebel gehüllt. Ich habe das Gefühl, dass ich nur eine Fassade bin, eine Pappwand wie beim Theater. Ich spüre nichts mehr, bei gar nichts mehr. Ich verliere mich in dieser Einsamkeit und Tristesse, ich sehe keinen Ausweg. Nicht einmal eine Flasche Alkohol kann ich mir kaufen, ich traue es mir nicht, obwohl ich schon längst 17 bin. Doch, ein zwei mal habe ich es mir getraut, doch brachte der Alkohol keine Besserung, vielleicht habe ich zu wenig getrunken, doch ich habe eine höllische Angst davor, betrunken zu sein...wer weiß, was ich dann so erzähle. Ich muss noch ein Referat für Englisch machen, für Geschichte habe ich gar nicht gelernt. Time to say goodbye. Irgendwo, da reicht ein Steg ins Meer, der geht ewig ins Meer, bis zum Horizont, und niemals, niemals, erreichst du den Horizont. Dein ganzes Leben lang musst du diesen Weg gehen.

Wer bin ich nur ? Ich schaue auf mein Leben und es ist ein Leben, das nie gelebt hat. Es ist wie eine Maschine, mit wenigen Höhepunkten, aber selbst diese sind verloren. Es ist langweilig, man lebt von Tag zu Tag, nichts macht mich mehr glücklich. Ich gehöre zu denen, bei denen am Wochenende niemand anruft...und wenn, dann heißt es immer verwählt....wie tragisch, wie komisch.

Ich bin 17, hatte noch nie eine richtige Freundin. Ich habe noch nie ein Mädchen geküsst, ein Rückstand, der bereits für gekräuselte Augenbrauen sorgt. Ich war noch nie in einer Disco, meine Cafebesuche beschränken sich auf drei Stück. Das letzte Mal habe ich eine Eisdiele mit dem Fridi besucht, davor mit meiner Freundin, nein, nicht Freundin, eher gute Freundschaft. Ich war zu dumm, mit ihr mehr anzufangen, obwohl sie das schönste und netteste Mädchen ist, das ich jemals kennen gelernt habe. Ich habe mir eingebildet, ich sei verliebt. Trugschluss, ein absurder Trugschluss geradezu.

Ich bin 17, mein Leben ist dennoch nie in geregelten Bahnen verlaufen. das mag paradox klingen, aber ich bin drei Wochen abgehauen. Ich bin alleine nach Paris gefahren, mit 14. Ich mache meinen Urlaub immer alleine. Ich habe meine Eltern von dern 6. bis zur 8. Klassen bei Arbeiten und Noten immer angelogen. Es flog auf, als ich abgehauen bin. Ich habe selbst Urkundenfälschung betrieben. Es war ein absurdes Gedanken- und Lügengerüst, das ich aufbaute und das mit einem Schlag wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Ich habe noch nie darüber geschrieben. Es sind meine ersten Zeilen in dieser Sache. Niemand weiß es. Niemand darf es wissen. Von wegen, ich sei abgehauen wegen Abenteuerlust. Paris war Abenteuerlust. München nicht. Ich tingelte quer durch Bayern udn Österreich, denn das war weit weg von meiner Gegend. Sollte irgendwer diese Zeilen lesen, den ich kenne, sehen ich kaum noch einen Grund, hier länger zu bleiben.

Das Lügengerüst ist aufgeflogen. Ich habe gemerkt, ich habe alles verpasst. Ich sitze alleine in dieser Zeit, in dieser Welt. Meine Wege führen in die Dunkelheit. Und ich höre bereits das höhnische Lachen der anderen. Was solls. Ich muss da durch. Die schönsten Tage meines Leben sind jene, bei denen ich vergessen konnte.

19.11.06 21:36

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


DrGonzo² / Website (19.11.06 21:43)
WAHNSINNIG guter Stil! (=
lg Gonzo²


MK / Website (19.11.06 22:02)
Gut geschrieben. Nicht zu dick aufgetragen und trotz der tragischen Thematik kaum in Selbstmitleid verfallen. Die Spur Sarkasmus ist gut gewählt und ich komme mir völlig bescheuert vor, wenn ich über die sprachliche Form deines Textes sinniere.
Ich kenne deine Situation nicht, niemand kennt sie, denn niemand kann sich voll und ganz in die Gedanken seiner Mitmenschen hineinversetzen. Was diesen Aspekt anbelangt, sind wir Menschen vielleicht die einsamsten Wesen auf diesem Planeten. Doch ich habe eine gewisse Ahnung, worum es dir geht oder auch nicht geht und mehr als ein paar Worte sind nicht nötig, um auszudrücken, was ich mir für dich wünsche und was ich mir für mich wünschen würde.
Du lebst hier und jetzt und doch fürchtest du den morgigen Tag. Du kannst dir nur über eine Sache Gedanken machen, entweder über die Gegenwart oder die Zukunft. Der Vergangenheit nachzutrauern, sie wieder aufzurollen, wie du es zu tun vermagst, wird dich nirgends hinbringen. Es ist vergangen und du kannst es nicht ändern und jeder Gedanke an ein 'Was wäre gewesen, wenn...?' ist sinnlos.
Doch was bringt die Zukunft, wenn die Vergangenheit schon verpfuscht ist? Ich sage dir, viel. So wie du schreibst, wie du erkennst, woran du bist, deine Fehler, die Tatsache, dass du genau darüber dermaßen schreiben kannst, macht dich stark. Und ja, das klingt nun kitschig, doch wie viele andere mit solchen Problemen ertränken sich in Selbstmitleid und Depression? Genug, der Großteil.
Ein Verrückter frägt sich nicht, ob er verrückt ist; diesen Spruch kennst du sicher. Du kannst darüber schreiben, was dir Kummer bereitet, das ist das beste Zeichen, dass du nicht feststecken wirst. Es geht immer voran und was nicht war und jetzt nicht ist, wird irgendwann geschehen, denn jeder Mensch bekommt genau das, was er verdient.

Bitte entschuldige, falls ich anmaßend daher rede. Hoffentlich schenkst du meinen Worten Glauben.

MFG
Martin K. // mkistner.de


irresleben (20.11.06 17:32)
Nein, du hast nicht anmaßend geredet. Und du brauchst dir nicht bescheuert vorkommen, wenn du über die sprachliche Form des Textes sinnierst.


isL / Website (20.11.06 17:46)
ich verstehe deine situation. ich wei´es gbt viele leute die so denken. denen es auch so geht. Aber bitte mache nicht den fehler und fang an nur noch so zu denken. Ich selbst hab auch mal in einem einzigen Lügennetz gelebt. Doch es ist aufgesflogen und nun geht es mir besser. Ich lebe in den tag. werde hin und hergewogen von den absurden, komischen, schönen und auch gemeinen Wellen des Lebens. Aber man muss einen fels suchen, einen Ast worauf man sich stützen kann. Dann hört das Wanken auf und man sieht klar. ich hab 2 beziehungen hinter mir. Ich weiß auch nicht ob ich in nächster zeit jemanden finde, den ich meinen "festen freund" nennen kann. Lass dich nicht entmutigen. Es ist kein Verbrechen. Ich bin manchmal auch zu blöd um auf andere menschen zuzugehen. Das ist kein beinbruch. Und deine eigene kleine Welt... die hab ich auch. die hat bestimmt jeder irgendwo. ich träum mir mein Leben auch mal schön. Warum schreibst du deine kleine welt nicht auf. schreib sie aus der Sicht einer anderen person. schreib wie du dich siehst. Und dann, versuche nach dieser Welt zu leben. vergiss, die zweifel an dir.

*hier noch ein klugscheißerspruch einer 16.jährigen:

Manche Probleme lösen sich von selbst, wenn man sie nur nicht dabei stört.

: gutes gelingen. gut machen, besser machen
[auf rechtschreibung hab ich nicht geachtet, bin zwar deutschleistungskurs, aber naja. ich hatte heute schon 2h deutsch ;D]

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