Düsseldorffahrt

Alles, was ich kenne, alles, was ich mache, alles was ich kann, ist summa summarum nicht viel. Es erscheint mir manchmal so, als hätte mich der liebe Gott extra schief programmiert. Vielleicht war ja genau in jenem Augenblick, als sich eine kleine Zelle anfing zu teilen und nach einer langen Weile Hände, Füße und Gesicht bildete, der liebe Gott nicht anwesend. Ich weiß es nicht. Aber nur zu oft kommt es mir so vor.

Gestern wieder drang ich in die Welt des Mainstreams ein, in die Welt, wie sie 99 % aller Jugendlichen leben; nur ich eben nicht. Eine kleine Fahrt nach Düsseldorf, die dann noch nach Köln führte. Es war eine nette Fahrt, aber zu den großen Augenblicken, zu den großen Erinnerungen und Besinnungen, wird sie sicherlich nicht gehören. Zum ersten Male saß ich in einem mexikanischem Steakrestaurant, der Kellner sang die ganze Zeit spanische Schlager und ich fühlte mich wie in einem 60er Westernfilm mit John Wayne, der an der mexikanischen Grenze nach dem geheimnisvollen Eldorado sucht. Doch nur zu schnell wurde ich aus diesem Tagtraum mit den Worten "Du bist so verpeilt", kombiniert mit einem schlitzohrigen Lächeln, geholt. Vor uns vieren saß eine Familie, Tochter, kleine Tochter, Mann und Frau. Der Mann erzählte die ganze Zeit Geschichten, nein, es waren keine Geschichten, es waren Berichte über Balkonfassaden und Fassadenbalkone. Frau genervt, Tochter genervt, kleine Tochter genervt. Die Tochter musste in unserem Alter sein, und ich versuchte die ganze Zeit einen sehnsuchtsvollen Blick von ihr zu uns zu erhaschen, der mir zeigte, dass diese Tochter auf alles Lust hatte, nur nicht in einem mexikanischem Steakrestaurant Berichten über Balkonfassaden zuzuhören.

Düsseldorf ist eine schöne Stadt, doch fehlt ihr das Flair einer Großstadt; einer Weltstadt eben. Düsseldorfs Königsallee erinnert mich immer an Paris, mit den herbstlichen Bäumen und dem stillen Wasser, das sie durchzieht. Doch der Gedanke an den Namen "Düsseldorf" zerstört diese Illusion, denn Düsseldorfs Name ist Programm; er klingt eben urdeutsch und provinzmäßig, wofür natürlich die Düsseldorfer nichts können, aber was das größste Hindernis Düsseldorfs auf dem Weg zur Weltstadt ist. Besonders schön finde ich die Rheinuferpromenade und wir vier, die diese zu erobern suchten, dachten alle dasselbe. Der Rhein ist nunmal ein besonderer Fluss, denn irgendwie fließt hier die Geschichte; die Geschichte Europas, in der dieser Fluss immer eine besondere Rolle gespielt hat. Düsseldorf ist schön, ja, aber ob es zu den Orten gehört, die man besucht haben muss, wage ich zu bezweifeln.

Wir viere, zwei junge Frauen im Alter von 18 und 16, ein junger Mann im Alter von 16 und ich, der armselige Diener der Lustlosigkeit und Melancholie, mit 17 Jahren, gingen also nun durch diese Stadt. Ich habe noch nie so viele Läden besucht, ein Stadtrundgang bestand bei mir immer aus Häusergucken und Kirchenbestaunen und natürlich das Flair einer Stadt erhalten, es aufzuspüren und es zu genießen um dann, am Höhepunkt dieses Prozesses, sich wie ein Einheimischer zu fühlen, so wie es bei mir bisher in allen Städten geschah. Doch wir besuchten so viele Läden, dass dies bei mir gar nicht möglich war und ich fühlte mich weder als Einheimischer noch als Tourist; eher als Fremder, der nicht weiß, wohin er gehört. Die meisten Läden fand ich nicht so schön, dennoch habe ich mir etwas gekauft, etwas, was nach Aussage des Mädchens mit 18 Jahren eine "Inkarnation des Mädchens" sei; einen kleinen Kerzenleuchter den ich aber, wie ich eben bin, mit einem Kelch verwechselte. Ich habe auch vor, ihn als Kelch und nicht als Kerzenleuchter zu nutzen, als heiliges Refugium meiner Melancholie.

Als eigentliches Highlight galt das Japanische Viertel, das es so nicht gibt, aber es existieren doch einige Straßen, in denen als einzige deutsche Schrift die Verkehrsschilder auftauchen. Für Johann war das natürlich ein großes Erlebnis, denn er liebt Japan, und wir verbrachten die ersten zwei Stunden nur damit, uns japanische Sakebecher und koreanische Sushiverpackungen anzuschauen. Es ist wirklich eine fremde Welt und schmunzelnd möchte ich anmerken, dass wir viere wohl die ersten waren, die Düsseldorf vorrangig wegen des Japanischen Viertels besucht haben. Nunja, ich persönlich habe die Supermärkte mit ihren unentziffbaren Schriftzeichen eher als Museum denn als Supermarkt wahrgenommen, und Anne sowie Francois muss es ähnlich ergangen sein, wie wir durch die engen Gänge uns durchquetschten.

Es verging also die Zeit, doch nur zu schnell übermannte uns die Langeweile. Schließlich schlug ich vor, nach Köln zu fahren, eine halbe Stunde Fahrtzeit erklärte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, Schon wollte ich die Reisezeit schrittweise erhöhen, um die inzwischen entstandene Begeisterung nicht allzu stark zu dämpfen. Doch ein dritter Blick auf dem Fahrplan verriet mir, dass meine Schätzung richtig war. Natürlich war ich stolz auf mich, was Anne allerdings nur minimal honorierte, um dann einen Versuch zu starten, bei Francois meine Arroganz zu entlarven, doch das Glück war auf meiner Seite, und mir wiederum gelang es dann mit einem dezenten Hinweis, Annes Arroganz in dieser Sache zu entlarven.

Es war dunkel geworden, als wir Köln erreichten. Köln ist anders als Düsseldorf. Köln ist wirklich weltstädtisch. Es ist dort viel mehr los, der Bahnhof viel kathedralenartiger, die Straßen voller, die Straßenkünstler phantasievoller. Köln ist ein Querschnitt durch die ganze Bevölkerung und als Highlight präsentiert sich dem Besucher auch noch eine monumentale, gigantische und ihresgleichen suchende Kathedrale unvorstellbaren Ausmaßes. Ich mochte Köln, denn Köln war für mich immer das heimliche Tor zur Welt, und manchmal, an einsamen Tagen, krame ich meine Erinnerungen an Paris aus, und erinnere mich, das Köln jener Startpunkt war, an dem diese schicksalhafte Reise begann. Köln wird mystifiziert, und ich bin auch noch der Meinung, dass dieser Mythos der vollen Richtigkeit entspricht.

Wir suchten in Köln nach einem Kaffee. Wir wollten in ein Café gehen, dort einen trinken und dann nach Hause fahren. Anne wollte früher da sein, kam sie doch schon Freitagnacht ziemlich spät zu Hause an. Francois dachte daran, ins Kino zu gehen, Johann war ohnehin alles egal und ich fühlte mich wie ein Hirte, der seine Schäfchen mit einem Schöne-Tag-Ticket NRW sicher nach Hause führt. Das Cafe, das wir fanden, war vollkommen überfüllt, doch im Laufe der Zeit leerte es sich langsam. Keiner wusste etwas zu sagen, und so kreiste das Gesprächsthema um eine Schachtel für Zigaretten und einem Fernseher, auf dem die gesamte Produktpalette dieses Cafes dem Kunden vorgestellt wurde. Es war Nonsens, den wir sprachen, eigentlich sprachen wir die ganze Zeit Nonsens. Francois rauchte ihre dritte oder vierte Zigarette, immerhin Gauloises, ihr Name ist Programm. Ich holte ihr einen Aschenbecher, danke, bitte schön. Anne wirkte inzwischen leicht genervt. Manchmal lacht sie mich grundlos aus, und ich weiß, dass sie recht hat, und doch tut es mir weh, wenn sie dieses typische Lächeln aufsetzt, das sagen will, wie verpeilt ich doch sei. Einsam, einsam fühle ich mich in solchen Augenblicken und sehne mich danach, einfach aufzustehen und wegzugehen, ohne Ziel und ohne Plan.

Auf der Rückfahrt las ich in der ersten Stunde Fracois aus einem Kafka-Roman vor, den ich ziemlich langweilig fand, nicht um jetzt Kafka niederzumachen, ich halte ihn für einen grandiosen Autor, doch ich fand den Roman halt eben langweilig. Anne schloss sich zu meiner Verblüffung Francois an, nur Johann nicht, der japanisches Pappspielzeug auspacken musste.

In der zweiten Stunde hob sich plötzlich meine Laune. Ich kann mir diese manischen Zustände nicht erklären, in denen die Gedanken durch den Kopf zischen und in der ich schon ganze Gruppen bis zum Umfallen zum Lachen gebracht habe. Doch sind mir diese Szenen immer ein Rätsel, denn so lustig ich auch sein kann, so oft versinke ich in die einsame Depression meines erbärmlichen Lebens. Ich träume von der weiten welt obwohl ich weiß, dass diese unerreichbar ist, unerreichbar sein wird. Anne und Francois wurden sichtlich genervter, nur Johann, der machte mit und wir sangen Schlagerlieder von Demis Roussous. Ob ich denn was genommen habe, fragte Francois, der Sherry in dem mexikanischem Steakrestaurant habe mir offenbar nicht gut getan. Anne bemerkte, dass ich ja ein ganz lieber sei, der selten Alkohol trinke; vor dem Sherry war es ein Schluck Saigonbier von Anne, in Berlin. Nein, ich brauche kein Alkohol, bemerkte ich, ich bin halt eben so, und ich bin stolz darauf, dass ich gut gelaunt sein kann ohne auch nur einen Schluck Bier getrunken zu haben. Doch sind mir manchmal diese Szenen ein Rätsel und nachher frage ich mich immer, wer ich eigentlich bin, was der Sinn des Ganzes ist und falle nicht selten in eine tiefe Depression.

 

19.11.06 11:36

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