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Düsseldorffahrt

Alles, was ich kenne, alles, was ich mache, alles was ich kann, ist summa summarum nicht viel. Es erscheint mir manchmal so, als hätte mich der liebe Gott extra schief programmiert. Vielleicht war ja genau in jenem Augenblick, als sich eine kleine Zelle anfing zu teilen und nach einer langen Weile Hände, Füße und Gesicht bildete, der liebe Gott nicht anwesend. Ich weiß es nicht. Aber nur zu oft kommt es mir so vor.

Gestern wieder drang ich in die Welt des Mainstreams ein, in die Welt, wie sie 99 % aller Jugendlichen leben; nur ich eben nicht. Eine kleine Fahrt nach Düsseldorf, die dann noch nach Köln führte. Es war eine nette Fahrt, aber zu den großen Augenblicken, zu den großen Erinnerungen und Besinnungen, wird sie sicherlich nicht gehören. Zum ersten Male saß ich in einem mexikanischem Steakrestaurant, der Kellner sang die ganze Zeit spanische Schlager und ich fühlte mich wie in einem 60er Westernfilm mit John Wayne, der an der mexikanischen Grenze nach dem geheimnisvollen Eldorado sucht. Doch nur zu schnell wurde ich aus diesem Tagtraum mit den Worten "Du bist so verpeilt", kombiniert mit einem schlitzohrigen Lächeln, geholt. Vor uns vieren saß eine Familie, Tochter, kleine Tochter, Mann und Frau. Der Mann erzählte die ganze Zeit Geschichten, nein, es waren keine Geschichten, es waren Berichte über Balkonfassaden und Fassadenbalkone. Frau genervt, Tochter genervt, kleine Tochter genervt. Die Tochter musste in unserem Alter sein, und ich versuchte die ganze Zeit einen sehnsuchtsvollen Blick von ihr zu uns zu erhaschen, der mir zeigte, dass diese Tochter auf alles Lust hatte, nur nicht in einem mexikanischem Steakrestaurant Berichten über Balkonfassaden zuzuhören.

Düsseldorf ist eine schöne Stadt, doch fehlt ihr das Flair einer Großstadt; einer Weltstadt eben. Düsseldorfs Königsallee erinnert mich immer an Paris, mit den herbstlichen Bäumen und dem stillen Wasser, das sie durchzieht. Doch der Gedanke an den Namen "Düsseldorf" zerstört diese Illusion, denn Düsseldorfs Name ist Programm; er klingt eben urdeutsch und provinzmäßig, wofür natürlich die Düsseldorfer nichts können, aber was das größste Hindernis Düsseldorfs auf dem Weg zur Weltstadt ist. Besonders schön finde ich die Rheinuferpromenade und wir vier, die diese zu erobern suchten, dachten alle dasselbe. Der Rhein ist nunmal ein besonderer Fluss, denn irgendwie fließt hier die Geschichte; die Geschichte Europas, in der dieser Fluss immer eine besondere Rolle gespielt hat. Düsseldorf ist schön, ja, aber ob es zu den Orten gehört, die man besucht haben muss, wage ich zu bezweifeln.

Wir viere, zwei junge Frauen im Alter von 18 und 16, ein junger Mann im Alter von 16 und ich, der armselige Diener der Lustlosigkeit und Melancholie, mit 17 Jahren, gingen also nun durch diese Stadt. Ich habe noch nie so viele Läden besucht, ein Stadtrundgang bestand bei mir immer aus Häusergucken und Kirchenbestaunen und natürlich das Flair einer Stadt erhalten, es aufzuspüren und es zu genießen um dann, am Höhepunkt dieses Prozesses, sich wie ein Einheimischer zu fühlen, so wie es bei mir bisher in allen Städten geschah. Doch wir besuchten so viele Läden, dass dies bei mir gar nicht möglich war und ich fühlte mich weder als Einheimischer noch als Tourist; eher als Fremder, der nicht weiß, wohin er gehört. Die meisten Läden fand ich nicht so schön, dennoch habe ich mir etwas gekauft, etwas, was nach Aussage des Mädchens mit 18 Jahren eine "Inkarnation des Mädchens" sei; einen kleinen Kerzenleuchter den ich aber, wie ich eben bin, mit einem Kelch verwechselte. Ich habe auch vor, ihn als Kelch und nicht als Kerzenleuchter zu nutzen, als heiliges Refugium meiner Melancholie.

Als eigentliches Highlight galt das Japanische Viertel, das es so nicht gibt, aber es existieren doch einige Straßen, in denen als einzige deutsche Schrift die Verkehrsschilder auftauchen. Für Johann war das natürlich ein großes Erlebnis, denn er liebt Japan, und wir verbrachten die ersten zwei Stunden nur damit, uns japanische Sakebecher und koreanische Sushiverpackungen anzuschauen. Es ist wirklich eine fremde Welt und schmunzelnd möchte ich anmerken, dass wir viere wohl die ersten waren, die Düsseldorf vorrangig wegen des Japanischen Viertels besucht haben. Nunja, ich persönlich habe die Supermärkte mit ihren unentziffbaren Schriftzeichen eher als Museum denn als Supermarkt wahrgenommen, und Anne sowie Francois muss es ähnlich ergangen sein, wie wir durch die engen Gänge uns durchquetschten.

Es verging also die Zeit, doch nur zu schnell übermannte uns die Langeweile. Schließlich schlug ich vor, nach Köln zu fahren, eine halbe Stunde Fahrtzeit erklärte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, Schon wollte ich die Reisezeit schrittweise erhöhen, um die inzwischen entstandene Begeisterung nicht allzu stark zu dämpfen. Doch ein dritter Blick auf dem Fahrplan verriet mir, dass meine Schätzung richtig war. Natürlich war ich stolz auf mich, was Anne allerdings nur minimal honorierte, um dann einen Versuch zu starten, bei Francois meine Arroganz zu entlarven, doch das Glück war auf meiner Seite, und mir wiederum gelang es dann mit einem dezenten Hinweis, Annes Arroganz in dieser Sache zu entlarven.

Es war dunkel geworden, als wir Köln erreichten. Köln ist anders als Düsseldorf. Köln ist wirklich weltstädtisch. Es ist dort viel mehr los, der Bahnhof viel kathedralenartiger, die Straßen voller, die Straßenkünstler phantasievoller. Köln ist ein Querschnitt durch die ganze Bevölkerung und als Highlight präsentiert sich dem Besucher auch noch eine monumentale, gigantische und ihresgleichen suchende Kathedrale unvorstellbaren Ausmaßes. Ich mochte Köln, denn Köln war für mich immer das heimliche Tor zur Welt, und manchmal, an einsamen Tagen, krame ich meine Erinnerungen an Paris aus, und erinnere mich, das Köln jener Startpunkt war, an dem diese schicksalhafte Reise begann. Köln wird mystifiziert, und ich bin auch noch der Meinung, dass dieser Mythos der vollen Richtigkeit entspricht.

Wir suchten in Köln nach einem Kaffee. Wir wollten in ein Café gehen, dort einen trinken und dann nach Hause fahren. Anne wollte früher da sein, kam sie doch schon Freitagnacht ziemlich spät zu Hause an. Francois dachte daran, ins Kino zu gehen, Johann war ohnehin alles egal und ich fühlte mich wie ein Hirte, der seine Schäfchen mit einem Schöne-Tag-Ticket NRW sicher nach Hause führt. Das Cafe, das wir fanden, war vollkommen überfüllt, doch im Laufe der Zeit leerte es sich langsam. Keiner wusste etwas zu sagen, und so kreiste das Gesprächsthema um eine Schachtel für Zigaretten und einem Fernseher, auf dem die gesamte Produktpalette dieses Cafes dem Kunden vorgestellt wurde. Es war Nonsens, den wir sprachen, eigentlich sprachen wir die ganze Zeit Nonsens. Francois rauchte ihre dritte oder vierte Zigarette, immerhin Gauloises, ihr Name ist Programm. Ich holte ihr einen Aschenbecher, danke, bitte schön. Anne wirkte inzwischen leicht genervt. Manchmal lacht sie mich grundlos aus, und ich weiß, dass sie recht hat, und doch tut es mir weh, wenn sie dieses typische Lächeln aufsetzt, das sagen will, wie verpeilt ich doch sei. Einsam, einsam fühle ich mich in solchen Augenblicken und sehne mich danach, einfach aufzustehen und wegzugehen, ohne Ziel und ohne Plan.

Auf der Rückfahrt las ich in der ersten Stunde Fracois aus einem Kafka-Roman vor, den ich ziemlich langweilig fand, nicht um jetzt Kafka niederzumachen, ich halte ihn für einen grandiosen Autor, doch ich fand den Roman halt eben langweilig. Anne schloss sich zu meiner Verblüffung Francois an, nur Johann nicht, der japanisches Pappspielzeug auspacken musste.

In der zweiten Stunde hob sich plötzlich meine Laune. Ich kann mir diese manischen Zustände nicht erklären, in denen die Gedanken durch den Kopf zischen und in der ich schon ganze Gruppen bis zum Umfallen zum Lachen gebracht habe. Doch sind mir diese Szenen immer ein Rätsel, denn so lustig ich auch sein kann, so oft versinke ich in die einsame Depression meines erbärmlichen Lebens. Ich träume von der weiten welt obwohl ich weiß, dass diese unerreichbar ist, unerreichbar sein wird. Anne und Francois wurden sichtlich genervter, nur Johann, der machte mit und wir sangen Schlagerlieder von Demis Roussous. Ob ich denn was genommen habe, fragte Francois, der Sherry in dem mexikanischem Steakrestaurant habe mir offenbar nicht gut getan. Anne bemerkte, dass ich ja ein ganz lieber sei, der selten Alkohol trinke; vor dem Sherry war es ein Schluck Saigonbier von Anne, in Berlin. Nein, ich brauche kein Alkohol, bemerkte ich, ich bin halt eben so, und ich bin stolz darauf, dass ich gut gelaunt sein kann ohne auch nur einen Schluck Bier getrunken zu haben. Doch sind mir manchmal diese Szenen ein Rätsel und nachher frage ich mich immer, wer ich eigentlich bin, was der Sinn des Ganzes ist und falle nicht selten in eine tiefe Depression.

 

19.11.06 11:36, kommentieren

Leben

Nichts, aber wirklich nichts, fürchte ich mehr als den morgigen Tag. Es wird jener Tag sein, an dem das Ende der Welt für mich bevorsteht, jener Tag, der mir erst dann Freude bereiten wird, wenn ich ihn abgeschlossen habe. Ich hasse mich selbst, für alles was ich kenne. Ich verpasse das ganze Leben, verpasse alles. Ich verbringe meine Tage in den dunklen Kämmerchen, um dort irgendwelche absurden Selbstgespräche zu führen, die von irgendwelchen fremden Welten handeln, die nur ich mich erschaffen habe. Der morgige Tag ist der Tag des totalen Untergangs, er entlarvt meine Erbärmlichkeit. Vielleicht passiert ja morgen irgendetwas, irgendwas halt, damit ich nicht zur Schule muss. Schwänzen kann ich nicht, zu viele Lehrer die eine Entschuldigung fordern, und dann müsste ich das auch noch Johann erklären...nein, ich muss da durch.

Alles, was ich schaffe, ist nichts. Dauernd habe ich irgendwelche Scherereien, die mich nur entfernt betreffen. Dauend Stress. Ja, ich weiß, in Amerika sieht alles noch viel schlimmer aus, sagt der eine Freund....der Pseudofreund denke ich manchmal und ich hasse mich für diesen Gedanken. Vorbei. Irgendwann muss ich schon meine Ruhe finden. Ich fühle mich leer, in einem ewigen Nebel gehüllt. Ich habe das Gefühl, dass ich nur eine Fassade bin, eine Pappwand wie beim Theater. Ich spüre nichts mehr, bei gar nichts mehr. Ich verliere mich in dieser Einsamkeit und Tristesse, ich sehe keinen Ausweg. Nicht einmal eine Flasche Alkohol kann ich mir kaufen, ich traue es mir nicht, obwohl ich schon längst 17 bin. Doch, ein zwei mal habe ich es mir getraut, doch brachte der Alkohol keine Besserung, vielleicht habe ich zu wenig getrunken, doch ich habe eine höllische Angst davor, betrunken zu sein...wer weiß, was ich dann so erzähle. Ich muss noch ein Referat für Englisch machen, für Geschichte habe ich gar nicht gelernt. Time to say goodbye. Irgendwo, da reicht ein Steg ins Meer, der geht ewig ins Meer, bis zum Horizont, und niemals, niemals, erreichst du den Horizont. Dein ganzes Leben lang musst du diesen Weg gehen.

Wer bin ich nur ? Ich schaue auf mein Leben und es ist ein Leben, das nie gelebt hat. Es ist wie eine Maschine, mit wenigen Höhepunkten, aber selbst diese sind verloren. Es ist langweilig, man lebt von Tag zu Tag, nichts macht mich mehr glücklich. Ich gehöre zu denen, bei denen am Wochenende niemand anruft...und wenn, dann heißt es immer verwählt....wie tragisch, wie komisch.

Ich bin 17, hatte noch nie eine richtige Freundin. Ich habe noch nie ein Mädchen geküsst, ein Rückstand, der bereits für gekräuselte Augenbrauen sorgt. Ich war noch nie in einer Disco, meine Cafebesuche beschränken sich auf drei Stück. Das letzte Mal habe ich eine Eisdiele mit dem Fridi besucht, davor mit meiner Freundin, nein, nicht Freundin, eher gute Freundschaft. Ich war zu dumm, mit ihr mehr anzufangen, obwohl sie das schönste und netteste Mädchen ist, das ich jemals kennen gelernt habe. Ich habe mir eingebildet, ich sei verliebt. Trugschluss, ein absurder Trugschluss geradezu.

Ich bin 17, mein Leben ist dennoch nie in geregelten Bahnen verlaufen. das mag paradox klingen, aber ich bin drei Wochen abgehauen. Ich bin alleine nach Paris gefahren, mit 14. Ich mache meinen Urlaub immer alleine. Ich habe meine Eltern von dern 6. bis zur 8. Klassen bei Arbeiten und Noten immer angelogen. Es flog auf, als ich abgehauen bin. Ich habe selbst Urkundenfälschung betrieben. Es war ein absurdes Gedanken- und Lügengerüst, das ich aufbaute und das mit einem Schlag wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Ich habe noch nie darüber geschrieben. Es sind meine ersten Zeilen in dieser Sache. Niemand weiß es. Niemand darf es wissen. Von wegen, ich sei abgehauen wegen Abenteuerlust. Paris war Abenteuerlust. München nicht. Ich tingelte quer durch Bayern udn Österreich, denn das war weit weg von meiner Gegend. Sollte irgendwer diese Zeilen lesen, den ich kenne, sehen ich kaum noch einen Grund, hier länger zu bleiben.

Das Lügengerüst ist aufgeflogen. Ich habe gemerkt, ich habe alles verpasst. Ich sitze alleine in dieser Zeit, in dieser Welt. Meine Wege führen in die Dunkelheit. Und ich höre bereits das höhnische Lachen der anderen. Was solls. Ich muss da durch. Die schönsten Tage meines Leben sind jene, bei denen ich vergessen konnte.

4 Kommentare 19.11.06 21:36, kommentieren

Achterbahn

Acherbahnfahrt. Eien ewige, andauernde Achterbahnfahrt. So beschreibe ich den heutigen Tag. Alles ist eine achterbahnfahrt. Mein ganzes Leben ist eine Achterbahnfahrt. Drunter und drüber, mit Loopings, mit Tiefen und Höhen, steilen Aufstiegen und ewigen Abstürzen, mit rasender Geschwindigkeit und verhängnisvoller Erwartung. Und der Tag heute ? Er ist noch nicht vorbei, ich weiß. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber ich lobe ja nicht den Tag. Oder doch ? Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Achterbahnfahrten haben mich immer schlecht gemacht. Ich war mal in einer, nachher war mir grottenübel. Ich mag Achterbahnen nicht. Und doch faszinieren sie mich. Mit ihren Kurven, ihrer Ästhetik, ihrer Silhouette. Sie sind wie aus einer fremden Welt. Symbol meines Lebens, du offenbarst die dreimal jährlich auf der Kirmes. Faszinierend, wirklich,unglaublich faszinierend.

Heute musste ich ein Referat in Englisch halten. Sommernachtstraum. Shakespeare. Ich hasse Englisch, ich habe mich nur gemeldet, weil ich eine 4 doppel minus in der Arbeit und im Mündlichen habe. Knapp vorbeigeratzt, ich weiß. Aber knapp daneben ist eben ganz daneben. Danke. Das Referat allerdings wurde ein Fiasko. Ich stammelte irgendetwas vor mir hin, malte irgendetwas an die Tafel. Mich machten die Blicke nervös, aber noch viel nervöser machte mich die Sprache. Englisch ist schwer. ich weiß, alle wundern sich darüber. Englisch ist doch einfach ! Italienisch ist schwierig ! Ich denke andersherum. Italienisch ist einfach, weil die Sprache schön ist. Weil sie auch Ausnahmen hat, weil sie leidenschaftlich ist. Englisch habe ich nie so empfunden. Es sind meine Gefühle, die mich so denken lassen. Man kann dagegen nicht logisch argumentieren. Man kann meine Argumente nicht logisch analysieren und interpretieren. Man muss sie hinnehmen. Mit Gefühl. Mit Emotion. Subjektiv. Intuitiv. Ich mache alles intuitiv. So stehe ich in Mathe beinahe-fünf. Aber hier gilt die Regel: Eben nur beinahe. Und manchmal, aber wirklich manchmal, da hilft mir die Intuition weiter. Da habe ich einen Gedankengang, der die Menschen verblüfft. Es sind jene Momente, aus denen ich meine ganze Energie schöpfe. Dieses bisschen Lob hilft mir weiter. Ich bin stolz. Und das darf ich wirklich sein.

Und dann noch eine Geschichtsklausur. Geschichte ! Sie war nciht das gelbe von Ei. Am Ende verschwammen die Buchstaben vor meinen Augen. Hoffentlich lief alles gut ab. Das Leben ist eine Achterbahnfahrt, wie schon gesagt. Den höchsten Punkt erreichte ich in Italienisch. Ja, die Sprache der Leidenschaft, des Herzens. Italien ! Ich war noch nie dort, und doch träume ich von dir. Ich träume nicht wegen der Sonne, wegen den Stränden. Ich träume von der Ruhe der Toskana, vom Leben in den kleinen Dörfern. Von diesem Land hinter den Alpen, das mir manchmal wie ein großes Wunderland vorkommt. Es ist eine andere Kultur, eine andere Welt. Man mag mir nicht zustimmen, vielleicht. Mir ist es egal, denn Leidenschaft kann man nicht zerstören. Sie kommt und geht, fließt dahin wie ein Fluss, mal schnell, mal langsam, mal kurvig und verdreht, dann wieder gerade und klar. Man kann sie nicht greifen. Ich mag sie. Alle mögen sie.

Ich war bestens gelaunt. Ich sang mit Johann ein japanisches Lied. Vor vielen Jahren habe ich es von VIVA aufgenommen, doch die Kassette längst verschwunden in den Händen eines Japanischlehrers. Früher habe ich japanisch gelernt, was heißt gelernt, ich wollte es können, aber nicht lernen. Das geht nicht. Ich kann ein paar Wörter, ein paar Schriftzeichen. Johann hat dieses Lied irgendwo im Internet gefunden, auf den MP3-Player gepackt, mir gegeben. Es ist extrem nervig. Es ist extrem kitschig. Ich mag es dennoch. Vielleicht gerade deshalb, vielleicht auch, weil es mich an Japan und Asien erinnert, mit ihren Molochstädten und ihrem Buddhismus. Kontraste ziehen sich gegenseitig an. Bei den einem mehr, bei dem anderen weniger. Bei mir ganz viel.

Ich mag die Welt. Ich mag auf merkwürdige Weise alle Städte und Länder. Das hört sich kitschig an, aufgesetzt. Aber irgendwie finde ich fremde Länder und Städte faszinierend. Ich kann es mir nicht erklären. Es würde zu weit führen. Vor vielen Jahren habe ich alle Dinge, die mich faszinierten, in einer Reihenfolge gepackt. Mata sommari ist die Faszination des Sommers, Mata urbani die der Stadt. Es gibt noch viel mehr "matas". Es hilft mir, in meinem Dschungel der Gefühle zurechtzufinden. Bisher klappte es ganz gut, und doch weiß ich, dass es vielleicht irgendwann nicht mehr so gut klappen wird. Dann muss ich mir etwas anderes einfallen lassen. Es muss klappen. Punkt. Nichts weiteres dazu zu sagen.

Der Tag ist praktisch vorbei. Ich werde nicht mehr viel machen. Zähne putzen, etwas essen, etwas fernsehen. Das wars. Wahrscheinlich werde ich wieder versuchen, möglichst lange Fernseh zu gucken. Um mich im Bett nicht vor den Gedanken an morgen zu fürchten. Morgen ist eigentlich nicht so schlimm, bekomme aber eine oder gar zwei Klausuren wieder. Und dann noch Deutsch. Ich kann Deutsch gut, sogar sehr gut. Und dennoch mag ich es nicht. Merkwürdig.

Besteht mein Leben eigentlich aus etwas anderem, als aus Gedanken darüber, wie die Schule sein wird ?

Ja. Aus Gedanken, wie ich mich vergessen kann.

1 Kommentar 20.11.06 17:25, kommentieren

Jazz

Viele Momente in meinem Leben sind ziemlich depressiv, doch manchmal hab eich auch Phasen, in denen ich bestens gelaunt. Nur wenige Dinge machen mich glücklich, doch verlieren diese wenigen Dinge über die Jahre hinweg nichts von ihrem Reiz. Sie verzaubern Dich immer noch, wie in der ersten Stunde ihres Erscheinens. Ich bin froh, dass ich noch so etwas habe. Und glücklich darüber. Schon dieser Gedanke macht mich glücklich. Man ist froh, wenn man in der dunkelsten nacht Sternschnuppen sieht.

Vielen Menschen geht es nicht gut. Ich weiß. Aber viele Menschen lassen sich nicht helfen. Oder sie behaupten, sie hätten nichts mehr, was sie glücklich macht. Was sie verzaubert, in den Bann reißt. Es wird sicherlich solche Menschen geben. Aber leider bilden sich nur zu viele Menschen dieser kleinen Welt ein, sie gehörten zu dieser Gruppe. Das stimmt nicht. Man hat immer etwas,was einen glücklich macht; und genau das ist das Schöne in diser Welt. Und sei es nur eine Kleinigkeit. Es sind die Kleinigkeiten, die einen glücklich machen. Sie halten treu zu dir.

Gestern Abend, es war dunkel, betrat ich mein Zimmer. Ich hatte mir eine CD mit der Filmmusik aus dem Film "Das Boot" ausgeliehen. Bisher habe ich nur Stück 6 gehört. Erinnerungen. Melancholisch. Traurig. Einsamkeit. Doch eine unbekannte Stimme sagte mir, ich solche Nummer 23 einstellen.

Jazz. Purer Jazz. Aber irgendwie hatte er etwas tragikomisches an sich. Wie der Chanson davor. Mon Gars. Ich kann kein französisch. Ich habe es nie gelernt. Der Chanson war wunderschön. Irgendwie muss ja das Leben weitergehen. Irgendwie funktioniert das schon. Was solls ! Englisch miserabel, Geschichte verhauen. Angst vor der Schule. Ach was ! Mensch, was bin ich nur eine erbärmliche Gestalt. Und ich lache über mich selbst. Höre Jazz, höre Chansons. Erkenne meine eigene Tragik. Und meine eigene Komik. Gegensätze ziehen sich an. Oder ist das wirklich ein Gegensatz. Irgendwie wird es schon weitergehen. Irgendwie muss es schon weitergehen. Träume von der großen, weiten Welt mit ihren vielen Kleinigkeiten, ihren Kleinstigkeiten und ihrem Trübsal. Ihren Strömen voller Verzweiflung. Und lausche dabei den Tönen einer Trompete, eines Klaviers, eines Cellos oder was das auch immer sein soll. Vielleicht auch Schlagzeug. Mir doch egal ! Mir gefällt das Stück, es macht mich glücklich. Mehr muss ich nicht wissen. Warum auch ? Was hilft schon dieses Wissen, das wir erwerben ? Für einen guten Job ? Für die Illusion, das Leben sei planbar ? Nein. Es hilft nicht. Ich schließe die Augen, sehe mich alleine und doch glücklich. Die Farben in den Straßen sind hell. Und lebe im Augenblick. Es gibt kein Morgen. Keine Vergangenheit. Ich genieße das Jetzt. Hier lebe ich ! Hier, in der Gegenwart ! Und mag die Welt auch noch so schlimm sein, mag ich sie auch noch so schlecht verstehen, mag auch alles den Bach hinuntergehen; ich bleibe mir treu und weiß, dass die Tragik und der Trübsal einen Menschen noch nie weitergebracht haben.

Heute bin ich früh nach Hause gekommen. Viel zu früh. Drei Schulstunden sind ausgefallen. Erdkunde, Geschichte. Die Klausur gibt es erst am Donnerstag zurück. Ach was ! Es wird schon weitergehen. In der Erdkundeklausur habe ich ein besonderes Gefühl. Ich habe das Gefühl, die Arbeit verhauen zu haben; aber da ist doch immer dieses kleine Pünktchen Zuversicht, das ich nur bei besonders guten Leistungen haben. Schule ist eben auch ein Lottospiel. Das Problem: Man erwartet, man zieht immer die sechs Richtigen. Und das funktioniert meistens nicht. Tja, so ist das eben. Ich blicke zurück. Und sehe meine Quittungen der Lottoannahmestelle. Sie verbleichen...

Der Abend gestern hat mich überrascht. Ich habe alleine getanzt. Es ist mir egal, was die anderen denken. Ich habe es einfach getan. Noch etwas geschauspielert. Ein bisschen jongliert. Ein schöner Abend. Und doch weiß ich, dass er sich niemals außerhalb meines Zimmers ausdehnen lässt. So ist das eben. Meine eigene Welt wird mich nicht so schnell preisgeben. Was solls ! Lasst uns den Jazz auflegen und nicht denken. Lasst uns fühlen. Ja, lasst uns fühlen, wie wir noch nie gefühlt haben.

21.11.06 15:13, kommentieren

Unerfahren

Die gute Laune des gestrigen Tages ist verschwunden. Sie hat sich aufgelöst. Heute hat es ziemlich stark geregnet. Auf der Rückfahrt bin ich ziemlich nass geworden. Die Wolken hangen tief und es sah aus, als hätte jemand schmutziges Wasser über ein Aquarellbild gegossen. Zur Stadt hin erschien der Himmel auf merkwürdige Weise rötlich. Ich bin froh, zu Hause zu sein.

Mittwoch ist immer der Tag, an dem das Wochenende in die Nähe rückt. Wenn ich um 15:45 Uhr meine Schule verlasse, atme ich zuerst tief durch. Der größte Teil der Woche ist vorüber. Ich bin froh. Noch froher war ich allerdings, dass die letzte Englischstunde in dieser Woche nunmehr hinter mir ist. Englisch ist wie ein Spießrutenlauf. Heute wurde ich wegen meinem verpatzten Referat angesprochen. Von Marie. Ich rede nie mit ihr. Sie redet nie mit mir. Wir ignorieren uns. Dass heißt nicht, dass wir uns zerstritten haben. Dass wir uns hassen. Wir wissen einfach, dass wir zu verschieden sind. Und ignorieren uns.

Julius hat das Referat, so glaube ich, besonders ausgenutzt. Er hält zu mir, er ist der einzige, der mich mit der normalen Welt verbindet. Aber dennoch empfinde ich seine Sympathie zu mir manchmal als eine Belastung. Ich kann mir das nicht erklären wieso, aber es ist einfach eine Belastung für mich. Dabei möchte ich ihn nicht verprellen. Ich will ihn nicht beleidigen. Zwickmühle.

Als ich zur Schule fuhr, zur Englischstunde denn davor hatte ich zwei Freistunden, traf ich Hannah und Olga. Wir sind etwas befreundet, aber nur etwas. In Bio sitze ich neben Hannah. Und mit Olga war ich letztes Jahr in einem Erdkundekurs. Manchmal glaubte ich, Olga habe sich in mich verleibt. Ich konnte das nie akzeptieren. Surreal, ja, es erscheint mir surrela, dass sich ein mensch in mich verliebt. ich bin zu schief für diese Welt. Ich bin zu anders. Es heißt, amn müsse sich mit 14, 15 verlieben und eine Freudnin haben. Ich bildete mir ein, ich sei verliebt in Aysha. Aysha sieht furchtbar gut aus, hat einen furchtbar netten Charakter. Ich mag sie. Aber ob es Liebe war....jetzt ist sie erstmal in Kanada, Austauschprogramm. Nein, es war keine Liebe. Es war Liebe, weil man sagte, es müsse Liebe sein. Also keine Liebe. So funktioniert das eben. Wir prägen nicht unseren Charakter. Die Gesellschaft prägt ihn. Wie grauenvoll ! Und wir bilden nur ein Abbild der Erwartung...

Manche Leute sagen, ich bräuchte eine Freundin. Ehrlich gesagt, ich träume schon manchmal davon. Wer tut das nicht ? Und doch sagt mir mein Verstand: Bleibe Realist. Und das bin ich in der Liebe; in allen anderen Bereichen nicht so oft. Ich sehe nicht sonderlich gut aus. Meine schwere Akne ist größtenteils verheilt. Und meine Narbe am Kinn, hervorgerufen durch einen brutalen Fahrradunfall mit einwöchigem Krankenhausaufenthalt, sieht man so gut wie gar nicht mehr. Aber ich sehe dennoch schlecht aus. Die Haut wird bei mir so schnell rötlich. Ich verbringe viel Zeit draußen, viel Zeit mit Fahrrad fahren, mit Nachdenken, mit Verzweifeln...meiner Haut sieht man das an. Am schlimmsten aber ist die Akne auf dem Oberkörper und an den Schultern. Eine Pickelspur zieht sich über den Brustkorb. Wenn ich mich ausziehe, vor dem Sportunterricht, staunen manche darüber. Dann quellen die Augen auf, wie bei einem Tier, das man bestaunen darf. Uiii, guck mal. Und noch viel schlimmer wird es werden, wenn wir bald schwimmen. Das zeichnet sich bereits ab. Ich habe keien Angst davor. Aber doch Furcht. Ich sehe die Mädchen tuscheln. Und die Zeigefinger. Ich sehe viele Zeigefinger. Und mich. Mit seiner verkrüppelten Gestalt. Ich will nicht schwimmen !

Und die Liebe ? Ach ja, da kann ich nur seufzen. Ich bin 17 und habe noch nie ein Mädchen geküsst. Andere haben in meinem Alter das erste Mal. Das sind nicht wenige. Das ist der Durchnschnitt. Ich weiß, ich soll nicht darauf hören. Spätzünder meinen es viele. Aber es fällt schwer, nicht darauf zu hören. Es fällt schwer, wie andere erzählen, wie sie mit ihrer Freundin ausgegangen sind, wie schön doch die Abende waren. Da kann ich nicht mithalten. Ich habe andere Erfahrungen. Ganz andere. Als ich abgehauen bin, hatte ich mit zwei Männern sexuellen Kontakt. Ich habe noch die darüber geschrieben. Im Nachhinein empfand ich es als eklig. Aber hat mich das traumatisiert ? Nein. Merkwürdigerweise nicht. Ich gehe vielleicht wie ein minderjähriger Stricher damit um. Oh Gott, was bin ich erbärmlich ! Heute habe ich mir ein Buch über den Untergang von Gesellschaften gekauft.

Die Tage verbringe ich immer gleich. Routine. Samstag ist besonders schlimm. Dann fahre ich imemr in die Stadt, um dort herumzustreifen. Noch schlimmer wäre es, zu Hause zu bleiben. Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Meine Eltern wissen, dass ich keine Freunde habe, keine Partys feiere. Sie glauben, ich mag so etwas nicht. In Wirklichkeit liebe ich Partys. Aber vielleicht liebe ich mehr die Sehnsucht nach der Party als die eigentliche Party...wie bescheuert. Zumindest bin ich abends immer früh zu Hause, gegen acht oder neun Uhr. Dann gucke ich Fernsehen, udn während andere Spaß haben, schlafe ich bereits oder reise durch die Tiefen des Internets. Und Sonntag ist oft genauso schlimm. So stand ich einmal vor der Frage, ob ich die Woche oder das Wochenende mehr mag...nochmal sage ich, wie bescheuert das doch ist. Offenbar mag ich in vielen Dingen die Sehnsucht mehr, als die eigentliche Sache. Wo stehe ich überhaupt ? Wer bin ich ? Wo ist mein Platz in der Welt ? Ich frage euch: Wo ist mein Platz ?

1 Kommentar 22.11.06 17:35, kommentieren

Anne

Meine Virusdatenbank wurde aktualisiert, wo ich damit beginne, etwas über den heutigen Tag zu schreiben. Er ist noch nícht vorbei, ich weiß. Aber mir soll es nun egal sein.

Die Welt vergisst sich im Regen; es regnet ununterbrochen, und wenn nicht, dann steht sie kurz davor. Der Herbst ist praktisch vorbei, er verabschiedet sich schmutzig und grau; wie jedes Jahr. Der Winter klopft an die Tür. Nicht mit den Temperaturen, sondern mit den Bäumen und Blättern. Die gelben Blätter ergeben eine dicke, feuchte und matschige Schicht. Merkwürdigerweise sind dieses Jahr beinahe alle Blätter gelb. Die rötlichen scheint es dieses Jahr nicht mehr zu geben. Vielleicht hatte der liebe Gott etwas gegen rote Blätter.

Heute hatte ich eine einzelne Deutschstunde. Es war die erste Deutschstunde nach jenem Tag, wo mein Vater meine Deutschlehrerin besuchte. Sie meinte ich sei Klassenbester. Und hätte viel, viel mehr Potenzial. Aha. Die Aussage nahm ich überraschend wahr, schrieb ich doch eine zwei plus. Egal. Dieser Blog soll nicht dazu dienen, meine Schulleistungen nach Noten zu kommentieren. Schule ist mehr als nur Noten. Ärger zum Beispiel. Oder Freunde, die keine Freunde sind. Nein, ich will mich nicht zu schlecht reden, als ich bin. So schlimm steht es nicht um mich. Aber an manchen Tagen denke ich schon so...eben nur an manchen Tagen. Es gibt Tage, die mich in himmelhochjauchzende Höhen kapitulieren, wo die Welt ein buntes Farbenmeer ist. Und dann folgen jene Tage, die ich in der einsamen Trübsal verbringe, in der die Welt grau und das eigene Leben schwarz aussehen. Gegensätze ziehen sich an. In der Liebe, in der Physik, im Leben...

Gestern Abend habe ich eine Dokumentation namens "Menschen hautnah" gesehen. Sie läuft auf WDR. Ich habe sie noch nie geschaut. Das liegt vor allem am späten Sendetermin: 22:30 Uhr. Aber diesmal habe ich es getan. Es ging darum, wie sich Menschen mit 18 fühlen. In der Liebe. Ja, die Liebe, darüber habe ich schon gestern hier geschrieben. Ich sehe ein Fenster, oder eine Veranda. Im Hintergrund eine große, weite, braun-violette Landschaft, ohne Gras. Ich kann nicht sagen, ob es Steppe oder Tundra ist. Ich sehe ein Mädchen mit langen braunen Haaren, wie sie auf der Veranda steht oder an diesem Fenster ihren Platz gefunden hat. Das Haar weht im Wind. Freiheit. Sehnsucht. Und dennoch Melancholie. Alles wirkt dunkel, alles aber auch violett. Ich kann mir dieses Bild nicht erklären. Es erschien einfach.

So erscheint vieles im Leben, plötzlich und erwartet, erschreckend und bestürzend. So funktioniert das eben.

Heute hatten wir Sport. Ich hasse die Sportstunden. Oder besser gesagt: Die jetzigen Sportstunden. Bei einigen Unterrichtsreihen habe ich Spaß, bei den meisten nicht. Dazu zieht Sport den Tag richtig auseinander. Johann und Anne sind auch bei mir im Kurs. Johann und Anne sind befreundet. Johann und Anne sind aber nicht verliebt. Ich bin nicht in Anne verliebt. Johann ist nicht in Anne verliebt. Aber Anne ist irgendwie süß. Sie sieht sehr gut aus, mit ihrem braun-blonden Haar. Und ihren t-Shirts. Sie hat einfach einen guten Geschmack. Das fehlt vielen Mädchen, nein, das fehlt vielen Menschen...Anne finde ich einfach süß, mehr nicht. Wir sind etwas mehr im Kontakt, durch Johann natürlich, und einmal wollten wir sogar zusammen ins Kino gehen; das hat sich aber im Nachhinein einfach zerschlagen. Ich bin oft sarkastisch zu ihr, zu oft, aber sie nimmt das offenbar nicht so ernst. Schließlich bin ich auch oft sarkastisch zu mir selbst. Sarkasmus hat einen Nachteil, wenn man es ernst meint, nimmt der Gegenüber dich nicht ernst. Aber das ist ein Nachteil, über den man hinwegsehen kann.

Ich mag Anne. Aber Liebe....nein. Ich mag sie einfach, aber niemals würde ich anfangen, sie zu lieben. Ich lebe in einem Alter, in der sich praktisch alles um die Liebe dreht. Wer mit wem, wo und wann. Doch in meinem Alter wird sie viel ernster genommen. Und wenn sie nicht kommt, dann versucht man sie zu erzwingen. Liebe ist eine scheue Zier, aber schade finde ich es, dass sie so kommerzialisiert und verkitscht wird. Liebe auf Knopfdruck, das fehlt unser technischen Gesellschaft noch. Es lebe die Liebespille ! Menschen, die sich unter Druck gesetzt fühlen, hängen sich jedem an den Hals. Und denken gleich, es sei die große Liebe. Was ist schon große Liebe ? Die Gefühle verspotten den Verstand.

Jaja, die Gefühle verspotten den Verstand, weil der Verstand denkt, er verspotte die Gefühle.

23.11.06 17:26, kommentieren

Ein Tag im März

Nach knapp zwei Tagen schreibe ich wieder etwas; das Wochenende ist praktisch vorüber, viel verpasst habe ich nicht. Gestern war es überraschend warm; es erinnerte mich an eine Sommernacht, so warm war es. Allerdings hat der Wind stark geweht und so hatte ich an einigen Stellen starken Seitenwind. Freitag- und Samstagabend vergeude ich meine Zeit mit Radfahren; im Dunkeln fühle ich mich besser geschützt. Das mag absurd und bescheuert klingen (und eigentlich ist es auch), aber man fühlt sich fern von den neugierigen Blicken der Welt. Das ist das schöne an der Nacht; und deshalb mag ich sie.

Die Fahrt gestern führte mich weit weg, an jene Straße und durch jenen Ort, mit dem ich viele Erinnerungen verbinde. Die Straße führt schnurgeradeaus. Sie ist breit, viel zu breit, vierspurig, mindestens. Man fährt mit einer unglaublichen Geschwindigkeit hinaus, hinaus aus der Stadt. Die Silhouette verschwindet. Ich mag diese Straße, sie ist die breiteste der ganzen Stadt, sie ist so gerade, sie ist ein Symbol- ein Symbol des Verkehrs, der Mobilität.

Nach einer Weile biege ich rechts ab. Ein Möbelkaufhaus ist in Sicht. Im Dunkeln sah es mit seinem blauen Neonlicht wie der neue Berliner Hauptbahnhof aus. Gigantonistisch. Man fährt über die wichtigste Autobahn Deutschlands. Dann ist man da. Dort. In jenem Ort. Aysha. Meine Pseudofreundin und meine große Pseudoliebe. Aysha. Sie wohnt direkt am Ortseingang, rechts. Jetzt lebt sie gerade in den USA. Auslandsjahr. Aysha. Ach, Aysha, vielleicht habe ich dich wirklich geliebt. In der Erinnerung wirkt der Nebel des Verschleierns.

Es war im März. Aysha hat im März Geburtstag, und Johann wurde eingeladen. Anne außerdem auch und Till sowieso. Der März kann ein schöner Monat sein, muss er aber nicht. Ich wurde nicht eingeladen. Ob ich beleidigt war ? Naja, ehrlich gesagt, ein bisschen schon. Mit Aysha stand ich so ganz gut, und dass Johann und Till eingeladen wurden hat mich schon etwas überrascht. Vor allem Till. Nun gut, ich sage ja immer, ich mag Partys nicht, obwohl ich sie in Wirklichkeit liebe. Ich habe niemanden, mit dem ich auf eine Party gehen könnte; deshalb sage ich einfach, ich mag sie nicht. So einfach ist das. Das Verblüffende: Es wird mir sogar geglaubt. Es passt einfach in das Bild eines Freaks.

Zwei Tage vor der Party kommt Aysha zu mir, drückt mir einen gelben Zettel in die Hand, lächelt mich an.

Du bist eingeladen.

Aha, nachträglich, aber bei Aysha kann und darf man nicht beleidigt sein. Die Party wurde an einem Samstag veranstaltet. Ich war in einem tiefgreifenden Konflikt: Sollte ich nicht gehen (so wie ich es allen immer erzählte, da ich ja keine Partys mag) oder sollte ich gehen (um mir merkwürdige Blicke gefallen zu lassen). Wahrscheinlich rechnete Aysha selbst nicht damit, dass ich kommen würde. Ich glaube, sie kennt mich besser, als mir lieb sein kann.

Ich ging.

Es erinnerte mich an die alten Tage, als ich mit Aysha etwas befreundet war (und manche meinten, wir hätten eine Beziehung gehabt, aber das stimmt eigentlich nicht; es war die Vorstufe zur Liebe und ich wagte es nicht, die nächste Stufe zu betreten). Ich nahm einen merkwürdigen Weg auf mich. Der Zug ins Ausland hält zwei Kilometer von Ayshas Ort. Eine etwas hügelige Straße verbindet Bahnhof und Ort. An jenem Samstag bin ich diesen Weg gegangen. Der Himmel präsentierte sich in ungekannter Weise; dicke, schwarze Wolken wurden vom Wind angekündigt, doch tauchten genauso viele blaue Flecken auf; der Himmel schien in dauernder Bewegung. Es bewegt sich etwas ! In meinem Leben ?

Die Party war wunderschön. Doch wenn ich zurückblicke, mag ich nicht mehr daran denken. Es kommt mir unangenehm vor. Dieses Gefühl ist mir unerklärlich. Habe ich vor etwas Angst ? Man muss sich entscheiden: Freak oder Mainstream. Ich habe mich fürs erstere entschieden, vielleicht sogar entscheiden müssen. Partys passen da nicht hinein. Ich fühle mich zerrissen, ach was, ich bin es doch. Zerrissen zwischen den Polen der Gesellschaft.

Ich habe die Pubertät eigentlich schon hinter mir. Ich bin 17, die Akne im Gesicht wird tatsächlich weniger. Ich muss mich rasieren, ich bin gewachsen, meine Stimme tiefer geworden. Körperlich passt es in die Norm. Aber gedanklich ? Persönlich habe ich mich nur wenig verändert. Ich sehe kaum einen Unterschied dazwischen, wie ich mit 12 Jahren dachte und wie ich jetzt denke. Sicherlich, man hat einen anderen Wortschatz, sicherlich, man artikuliert anders. Aber eine Veränderung ? Eine richtige Veränderung ? Nein, die habe ich nicht erlebt. Ich zeichen immer noch fiktive Karten von fiktiven Ländern mit ihren fiktiven Städten. Ich denke mir noch immer eine Traumwelt, ich bin immer noch sarkastisch. Ich kann mich immer noch für Brio-Bahn begeistern. Was bin ich kindisch ! Ich mag diesen Normdruck nicht, der von allen Seiten der Gesellschaft drückt. Mit 15 erste Freundin, mit 17 ersten Sex. Mit 14 spielt man nicht mehr mit kindlichen Sachen. Mit 15 Jahren muss dein Zimmer jugendlich aussehen. Mit 12 muss du zum ersten Mal geküsst haben. Mit 15 deinen ersten Alkoholrausch.Ich weiß, viele denken, man soll stolz darauf sein, dass man anders ist. Ist doch toll ! Und wer sagt das ? Die Leute, die normiert sind. Ach ja, diese Welt benötigt den normierten Menschen. Von normiert zu uniformiert ist es nur ein kleiner Schritt...oh Gott, was schreibe ich da für Worte ! Naja, man wird eben sarkastisch.

Einen große Seufzer für alle Menschen dieser Welt !

26.11.06 11:13, kommentieren