Freundschaft

Nach einem Monat schreibe ich hier wieder etwas; lange ist es her. Der Dezember ist praktisch vorüber, das Jahr 2006 sowieso, die Weihnachtsferien haben begonnen, Heilig Abend steht vor der Tür.

Ferien sind für mich jene Zeit, in der man drei Sachen macht: 1. Radfahren. 2. Fernseh gucken 3. Stadtbücherei. Alle Ferien verlaufen so bei mir. Ich sehe zwei Wochen lang niemanden aus der Schule, vielleicht treffe ich jemanden zufällig. Aber verabreden tue ich mich mit niemanden. Warum auch ? Leider habe ich ja niemanden, der mal bei mir anruft, und ich glaube manchmal, ich möchte auch gar keinen haben; ein schrecklicher Gedanke.

Zuerst einmal habe ich de facto meine letzte Freundschaft aufgekündigt. Oder hat er sie aufgekündigt ? Ich weiß es nicht. Aber wir reden kaum noch miteinander, wir fahren nicht mehr gemeinsam zur Schule, wir verabreden uns nicht mehr, wir machen nichts mehr miteinander. Schließlich hat er ja die Anne. Anne ist mit ihm befreundet, daher war ich lange Zeit auch mit ihr etwas befreundet. In Italienisch sitze ich zwischen beiden. Nur meistens redete ich mit ihm, und als Anne kam, hat er mich einfach ignoriert. Eine Zeit lang herrschte so etwas wie ein Machtkampf zwischen mir und ihm um Anne. Wenn Mädchen zwischen einer Freundschaft stehen, kann das nie gut gehen. Ich habe es auf Dauer Leid gehabt. Und Anne ? Sie hat mich in letzter Zeit auch wie der letzte Dreck behandelt. Jaja, ich weiß, dass ich bescheuert und blöd bin. Ich weiß, dass ich verrückt und abnormal lebe. Dafür helfe ich ihr ja auch in Italienisch weiter. Schon klar Anne. Tschüss Anne. Sie behandelt mich jetzt ganz anders, seit ich sie mehr oder weniger ignoriere. Wenn ich jetzt an ihr vorbeilaufe, kann ich ihre Blicke spüren; sie stechen auf mich ein. Einmal muss ich stur bleiben.

Vielleicht war es auch gar keine Freundschaft. Eher ein Zweckbündis. Punkt. Zweck nicht mehr vorhanden. Aus. Vorbei.

Mein zweiter Freund ist zur Zeit in den USA. Wir hatten etwas E-Mail-Kontakt. Aber auf diesen habe ich auch keine Lust mehr.

Ich schrieb ihm jeden Tag etwas. Ich habe keine Antwort bekommen. Und wenn, dann waren sie zehn Zeilen lang, wenn überhaupt. Bei ICQ war er für mich nie da. Ach, und das ist ein Freund ? Für wen hält der sich eigentlich ! Also habe ich von meinen Suizidversuchen erzählt. Ach, auf einmal war er mein Freund. Ja, natürlich. Dieser Vollidiot. Hinter meinem Rücken hat er mich auch schlecht gemacht. Hat mich auch nie ernst genommen. Wie damals, in Berlin.

Wir waren mit einer Jugendgruppe in Berlin. Natürlich war ich der Außenseiter, logisch. Spätabends sind wir in eine Kneipe gegangen. Als wir um ein Uhr zur Jugendherberge zurückfahren wollten, fiel auf einmal auf, dass der letzte Bus zum Alexanderplatz gefahren ist. Also meinte ich, man solle die Straßenbahn über den Danziger Ring nehmen. Ach was, son Quatsch meinten die anderen. Die erste Straßenbahn fuhr an uns vorbei. Quatsch, meinte er nur. Jaja, purer Quatsch.

Und was haben wir nach einer halben Stunde genommen ? Die Straßenbahn über den Danziger Ring. So einfach ist das.

Ich habe keine Lust auf Pseudofreundschaften. Ich habe keine Lust auf Freundschaften. Alle Leute haben mich bisher betrogen, nur zu wenigen habe ich Vertrauen. Was sind das für Freunde, die "keine Zeit" für eine Freundschaft haben ? Nein danke. Tschüss, sage ich da nur. Von mir gibts keine Weihnachtsgrüße nach Amerika. An niemanden. Alle sollen mich vergessen und ich will alle anderen vergessen. So einfach. Punkt.

Jetzt habe ich wirklich niemanden mehr. Jetzt bin ich wirklich ganz alleine auf dieser Welt. 2007 wird das Jahr ohne Menschen. Alles, was ich dort erleben werde, ist einzig und allein auf mich bezogen. 2007 wird das Jahr der verlorenen Seelen. Ich stochere weiterhin in diesem Brei der Welt herum, ohne zu wissen wohin, ohne zu wissen warum. Ich werde meine Tage weiterhin mit Chatten, Fernseh gucken, Radfahren und Stadtbücherei verbringen.So wie in den letzten fünf Jahren. So wie in den nächsten fünf Jahren. Tagein, Tagaus, nichts neues. In meiner Welt nichts Neues. Dabei möchte ich doch noch etwas erleben; dabei möchte ich auch einmal abends in ein Café gehen, einmal abends ausgehen, einmal abends zu zweit ins Kino schreiten. Wenigstens einmal. Einmal anerkannt sein; einmal ernst genommen werden. Vielleicht mache ich da selbst viel falsch. Ich weiß, ich habe einen schwierigen Charakter. Aber immerhin werde ich mir darüber bewusst. Nur wo soll ich mich ändern ? Soll ich mich überhaupt ändern ? Ich weiß es nicht. Ich kann es auch gar nicht wissen.

Manchmal, in kalten Nächten, frage ich mich, ob ich die Sehnsucht nach der Liebe mehr liebe als die Liebe selbst; in solchen Nächten bin ich an den Tiefpunkt angelangt. Ich möchte....ja, was möchte ich überhaupt ? In dieser Welt musst du dich entscheiden: Normal oder Freak, es gibt nichts dazwischen, es ist wie plus und minus, und ich habe mich für Freak entschieden, oder was heißt entschieden, ich wurde einfach einer, weil ich eben so bin. Vielleicht ändert sich irgendwann etwas. Aber ich bin schon 17, da ist die Jugend praktisch vorbei, da hat jeder eine Freundin, jeder hat Sex, und ich wurde noch nicht einmal geküsst; ich setze mich schon ganz schön unter Druck, aber ich tue ja auch nichts. Ich habe Akne im Gesicht, und auf der Brust, grausame Akne, brutale Akne, aber ich mache nichts dagegen, obwohl ich weiß, dass ich etwas ändern müsste; ich drücke meine Akne auf der Brust immer noch aus, regelmäßig, sie ist schon ganz verhärtet, als wäre es ein Geschwür. Ich kann damit nicht einfach so aufhören.

Naja, so bin ich eben...tja, irgendwie muss es ja schon weitergehen. 2007, ich komme ! Tada, tadi, Attacke mit vollem Geschrei ! 2007 möchte ich mit dem Rad nach Rom, freue mich schon drauf; und mit wem ? Na logisch, natürlich alleine ;-)

22.12.06 14:52, kommentieren

Kunst

Zum ersten Male in meinem Leben habe ich heute eine Kunstklausur geschrieben. Sie dauerte sage und schreibe drei Stunden; eine praktische Arbeit und eine theoretische. Wir waren zu sechs, und ich glaube, ich habe sie ganz gut hinbekommen. Nach einer halben Stunde war ich mit der Zeichnung fertig. Julius, der ebenfalls mit mir schrieb, sah sie und sagte ziemlich laut: Mensch, du bist ja schon fertig ! Mein Kunstlehrer lachte. Ja, in der Kunst der Kunst bin ich ziemlich schnell; in der Kunst des Lebens nicht. Mein Freund Johann ist der weitem Abstand beste in Kunst; er sollte etwas aus seinem Talent machen.

Eigentlich war es ein guter Tag. Besonders stolz konnte ich schon gestern auf mich sein; bei der strengsten Lehrerin der Schule habe ich die einzige eins in einer Philosophiearbeit geschrieben. Eigentlich sollte man stolz sein. Doch ich war es nicht. Ich konnte es mir nicht erklären. Schon früher war ich bei besonderen Leistungen, die ich errang, nicht stolz auf mich. Stolz bin ich dann, wenn ich etwas erreicht, für das ich gearbeitet habe; wenn ich beim Radfahren nach zwei Stunden anstrengender Regenfahrt das Ziel erreicht habe; wenn ich meine hart umkämpften Italienischkenntnisse einsetzen kann. Aber diese Philosophieklausur....nichts habe ich für sie getan, ich habe einfach etwas heruntergeschrieben. Vielleicht bin ich auch zu selbstkritisch. Das war wie bei meiner ersten Italienischarbeit; ich hatte ebenfalls die beste Klausur in der Klasse, aber anstatt mich zu freuen, habe ich mich totgeärgert, dass ich den Plural von "amica" mit "amice" verwendet habe. Eigentlich sollte ich beginnen, stolz auf mich zu sein. Eigentlich. Ach, wisst ihr, ich bin es einfach nicht. Ich kann es einfach nicht. Manchmal bin ich Perfektionist; manchmal. Freitag schreibe ich meine zweite Italienischarbeit.

Schon einmal habe ich geschrieben, wie sehr ich zu hohe Erwartungen hasse. Einmal eins geschrieben- immer eins geschrieben: So erwarten es doch die Menschen. Letztes Jahr habe ich vier Mal hintereinander in Sowiklausuren eins geschrieben. Nach jeder eins stieg der Druck, und ich lernte richtig viel für jede einzelne Klausur. In Italienisch ist das so ähnlich, in Erdkunde wird dies vielleicht auch so sein. Ich hasse mich !

Aber Leben besteht nicht nur aus Noten; wäre auch schlimm, wenn es so wäre ! Heute war ich wirklich stolz auf mich, weil ich einmal ganz befreit geredet habe. Und jemand mich etwas gefragt hat. Und nicht irgendwer. Es war sie. Nein, ich bin nicht verliebt. Nein, ich habe es nicht vor, verliebt zu sein. Ich werde es nie sein...naja, auch egal. Wie schon gesagt, ich habe heute eine Kunstklausur geschrieben. In meinem Kurs ist auch Muriel. Sie ist ein unauffälliges Mädchen; sie ist ein ruhiges Mädchen, nicht so ausgeflippt wie die meisten. Sie hat eigentlich nie Schminke, sie braucht Kosmetik nicht. Sie ist natürlich. Ja, Muriel ist etwas besonderes.

Vor der Französischstunde hatte ich eine Freistunde. Mir war langweilig, ich ging schon ziemlich früh zum Raum hinauf. Vor dem Raum befindet sich eine größere Freifläche, dort warten immer einige.

Hey sagte sie zu mir. Ich begrüßte sie auch mit einem Hey, setzte mich gegenüber von ihr hin. Langsam holte ich meinen MP3-Player heraus. Solch ein Player ist praktisch, viel zu praktisch: Man muss mit aufgestöpselten Ohren mit niemanden mehr reden. Ich rede nie mit jemanden. Ich wusste, wir schauen uns wieder nur dumm an. Ignorieren. Ich finde das oft besser.

Wie hast du Kunst geschrieben ?

Verwundert. Ja, ich war verwundert. Muriel redet mit mir ? Ich kannte das Gefühl gar nicht. Nur schwer bekam ich ein "Ja, ganz gut" heraus. Ich habe dann immer einen schrecklichen Gesichtsausdruck; ich wirke ganz kalt, emotionslos, verloren. Ich zeige allen Menschen, wie sinnentleert doch meine Äußerungen sind.

Bei mir wars auch ganz gut....nur Julius hat genervt...

...und ich sitze neben Julius. Auf einmal merkte ich: Sie möchte etwas reden. Nicht viel; aber etwas. Mein Gott, stelle dich jetzt nicht so dumm an. Komm, mach etwas draus. Rede. Verkrieche dich nicht in die Musik deines MP3-Players. Bitte nicht. Du hast eine Chance.

Und ich fing an zu reden. Ich zwang mich dazu, doch dann funktionierte es. Es lief automatisch ab. Ich redete so, wie ich nur mit wenigen rede; locker, entspannt, angenehm. Mensch, ihr könnte euch gar nicht vorstellen, wie stolz ich war. Ich, der kleine, immerverlorene Mensch, ich redete ganz normal. Ich bin stolz. Oh, ihr Menschen und Völker dieser Erde, hört meine Worte: Ich kann es ! Und wenn ihr mich jetzt auslacht; tut es ruhig, mir ist es egal ! Murielsches Land. Ich kenne sie nicht gut, kaum eigentlich, und ich finde es peinlich, etwas mehr über sie zu schreiben. Aber was solls. Ich bin glücklich ! Ob Muriel weiß, was für ein Glück sie mir heute beschert hat ? Wohl kaum. Wahrscheinlich hat sie es schon vergessen.

Was ist sonst noch passiert ? Ich habe Cola mit Pfefferminztee getrunken. Sonst nichts. 

29.11.06 17:30, kommentieren

Graffiti

Mit 12 Jahren begann ich regelmäßig mit dem Fahrrad in die fünf Kilometer entfernte Stadt zu fahren. Nach einigen Feldern fuhr ich durch einige Gewerbegebiete. In meiner Stadt steht eine ganze Menge alter Industrie; nach den Gewerbegebieten fahre ich immer an den Hallen alter Arbeit vorbei. An den Wänden stehen einige Graffitis, und ich las gerne die Sprüche, die dort gesprüht wurden; es war das spannendste an der ganzen Radfahrt. Manchmal lies ich mich von den über Nacht erscheinenden Sprüchen überraschen. Vor allem ein Spruch überraschte mich. Es war zauberschön. Den Spruch fand ich nicht nur an dem alten Eisenwerk; an der kleinen Apotheke am Bahnhof prangt er, an einer Gartenmauer neben der Bücherei und unter der Brücke über die Hauptstraße in die Stadt. Es war zauberschön. Irgendwie eine schöne Formulierung, dachte ich mich. Und ich sah mich in meinem Geiste selber irgendwann solche Sprüche an alte Eisenwerke oder Gartenmauern neben Büchereien aufsprühen.

Ich wollte mein Leben hinausschreien. Ich wollte, dass die Leute wenigstens etwas von mir Kenntnis nehmen; ich wollte irgendwelche Sprüche an irgendwelche W#nde sprühen. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich mehr kann. Ich wollte den Nervenkitzel merken. Aber niemals, niemals wollte ich dasselbe sprühen, als die anderen. Keine Tags; ich wollte mit meiner Sprühdose, mit meinen Eddingstiften, Welten erschaffen und Romane erzählen. Geschichten sollten an den Wänden prangen. So wie dieser Satz "Es war zauberschön". Er erzählte eine Geschichte; er zeigte mir, wie stark doch die Liebe ist. Er wirkte auf mich wie in einem Film; ich stellte mir eine Szene in einem Film vor, wie dieser Mensch diese Worte aufsprühte. Der Film imitiert das Leben; bei mir war es immer genau umgekehrt. Der Film prägt das Leben.

Nein, ich schaue nicht zuviel Fernsehen. Aber wenn man die reale Welt nicht kennt- dann greift man zu den Videos, DVDs und Fernbedienungen, um sie sich zu suggerieren. In Filmen gehe ich immer voll auf; nur zu oft fühle ich mit den Darstellern mit. Der Film entwickelte sich zu etwas, was ich realer ansah als die reale Welt. Am meisten liebe ich Jugenddramen. Vielleicht passt das auch zu meinem kleinen Leben...ich habe Jugenddramen immer gemocht. Sie waren nur zu oft Bild meines eigenes Lebens; doch der Film muss übertreiben, um etwas genauer darzustellen. Wenn ich den Film auf mein Leben übertrug, stufte ich ihn ab: Aus einer Selbstmordszene im Film wird eine Depression im eigenen Leben. Man muss sich den Film zurechtbiegen, damit er zum eigenen Leben passt, damit er zum eigenen Leben gehört.

Und dann mochte ich noch Highschoolfilme. Je kitschiger, destso besser. Highschoolfilme sind immer gleich: Das hässliche Entlein kommt mit dem coolsten Typen der Schule zusammen; am Ende steht die große Liebe an, und aus dem hässlichen Entlein wird ein Supertopmodel. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht gehofft hätte, dass es mir ähnlich ergeht. Ich träumte davon, dass jemand mich an die Hand nimmt und mich in die sagenhafte Welt des Lebens führt. Es musste kein Freund sein; es muss ein Lotse sein, ein Lotse meines Lebens. Ich hoffe immer noch, dass irgendwann ein solcher Lotse erscheint. Aber ich habe mit 17 schon eine Menge verpasst; in zwei Jahren mache ich Abitur. Und dann ? Dann ist die sagenhafte Jugend vorbei, ehe sie begonnen hat. Dann beginnt eine neue Zeit. Vielleicht gibt es ja einen Menschen, der mir als Lotse dient, der vielleicht nur darauf wartet, dass ich erscheine. Und doch sagt mir meine Vernunft, dass dieser Mensch nur eine Illusion ist. Aber man darf doch träumen und hoffen ?

Ohne Träumen und Hoffen kommen wir im Leben nicht weiter. Wir können nicht immer vernünftig sein; wir müssen auch mal uns von unseren Gefühlen leiten lassen. Ansonsten erkalten unsere Herzen. Wir leben in einer Welt, die Gefühlskälte als größtes Ideal präsentiert; in der wir kalten Herzens durch die Straßen stolzieren; in der Geld und Konkurrenz den Ton angeben. Was ist das für eine Gesellschaft, in der wir leben ? In der wir durch die Straßen hetzen, auf der Suche nach den neuesten Trends, up-to-date, immer in und aktuell. Auf der wir verzweifelt nach etwas suchen, das uns Halt gibt; und nur zu oft fühlen wir uns nur im Mainstream der Zeit wohl. Wir suchen nach Inseln im Meer des Lebens, und scheinen sie dennoch nie zu finden. Wohin, mein Freund, wohin werden wir gehen ? Was sind unsere Ziele ? Und wenn es letztere doch wirklich gibt- wie sehen sie aus ? In dieser kalten, viel zu kalten Welt leben wir- geleitet von der immergleichen Vernunft, genormt auf den eigenen Vorteil, den eigenen Nutzen. Genormt auf das regungslose Zusammenspiel vieler kleiner Zahnrädchen wie in einer Maschine. Genormt auf den Untergang- vielleicht, vielleicht auch nicht. Warum müssen wir alles der Logik unterwerfen ? Können wir nicht einfach Bereiche finden, in denen nur unsere Gefühle den Ton angeben ? In denen wir wir selbst sind, in der wir uns nicht den Normen und Regeln unterwerfen. In denen wir leben- und nicht nur so tun, als ob. Lasst uns träumen und leben ! Lasst uns einfach einmal gehen, lasst uns Ruhe genießen, lasst uns die Welt lieben.

Sommerwind weht durch mein Haar, ich sehe nur die weiten Ebenen Dänemarks; ich schaue zurück und sehe die Silhouette Kopenhagens, dieser sagenhafte Metropole zwischen Mittel- und Nordeuropa. Und ich spüre mich, bin glücklich, einfach nur glücklich. Die Sonne geht unter, langsam verschwindet sie hinterm Horizont- doch bevor sie dies tut, blendet sie die Erde mit ihrer ganzen Schönheit. Ich mag solche Augenblicke; ich hoffe dann manchmal, dass eine neue Ära in meinem Leben beginnt. Ich liebe die Welt. Aber sobald die Sonne verschwindet- dann ist die Welt so wie immer; dann bestimmt die Routine den Takt und ich verschwinde in den Fluten der Gesellschaft. Ich frage mich manchmal in solchen Situationen, ob nicht das Leben wirklich so zerrissen sein muss; ob ich nicht immer im Mainstream leben könnte. Ich wünsche es mir zu oft, doch meine Vernunft sagt mir, dass dies nicht geht; ich bin zu anders, um dem Mainstream anzugehören. Aber vielleicht wurde dieses anders gerade deshalb geprägt, weil ich eben zufällig einmal außerhalb des Mainstreams war. Ich habe die große Autobahn verlassen und wandere über kleine, steile Bergwege. Niemand geht meinen Weg. Er ist viel zu anstrengend. Und wie oft, wie oft, blicke ich durch die Tannenspitzen auf die sehnsuchtsvolle Autobahn ! Weiter zu kommen. Ich habe die Autobahn einmal verlassen und ehe ein Lotse kommt, werde ich sie nie wieder betreten. Vielleicht einmal entlangwandern; wie im März letzten Jahres. Vielleicht. Ich glaube es nicht. Aber hoffen tue ich es schon. Auch wenn ich weiß, dass, wenn ich die Autobahn betrete, ich mir dann nichts sehnlicher Wünsche, als diese wieder zu verlassen.

Wie paradox, mein Freund, wie paradox ist das Leben !

28.11.06 18:11, kommentieren

Wettbewerb

Eigentlich soll ich etwas für einen Philosophiewettbewerb schreiben; doch irgendwie gefällt mir keines der vier Themen, die dort zur Auswahl stehen. Ich habe angefangen, mir fiel nichts ein, habe es weggelegt, wieder zu mir genommen; mir fiel immer noch nichts ein. Irgendwie werde ich das heute schon schaffen müssen.

Ein Berg voller Aufgaben, voller Klausuren: Morgen steht eine Deutscharbeit bevor. Deutsch kann ich ganz gut; die Lehrerin meinte, ich sei Klassenbester. Ich mag es nicht, als Klassenbester bezeichnet zu werden. Das hängt nicht damit zusammen, dass ich nicht stolz bin; natürlich bin ich stolz, sehr stolz sogar. Immerhin etwas, was ich kann. Aber die anderen merken dass auch, und schon erscheinen die Erwartungen am Horizont. Ich hasse diese Erwartungen. In Geschichte ist es genauso schlimm, bei jeder Frage starren mich gleich alle an. Und es gibt kaum ein schrecklicheres Gefühl, in einer solchen Situation nichts zu wissen. Ich verstehe mich selbst nicht, sie verstehen mich nicht, alle verstehen niemanden. Mir wäre es lieb, wenn die Menschen immer solche großen Stücke auf einen halten. Schnell fühle ich mich unter Druck gesetzt. Viel zu schnell.

Vielleicht war es auch dieser Druck, der mich einst, vor zwei Jahren, dazu veranlasste abzuhauen. Drei Wochen; drei Wochen sind eine lange Zeit. Später, in der Schule, erzählte ich etwas von Abenteuerlust; vom Ruf der weiten Welt, von Fernweh. Quatsch. Alles Lügengeschichten. Und die Menschen haben es mir geglaubt, die Lehrer, die Schüler, die Eltern. Vielleicht wollten sich auch gar nicht weiter nachhaken, weil sie Angst hatten, sie würden merken, dass auch sie eine Schuld tragen. Aber ich möchte meine dreiwöchige Odysse nicht an einzelnen Menschen festmachen. Man läd nicht eine solche Schuld einem anderen auf. Mensch, jetzt bin ich auf einmal der große Moralapostel...in Wirklichkeit ist das nicht so. Ich finde noch nicht Kraft, mehr dazu zu schreiben.

Ich hasse mich selbst; dieser Philowettbewerb drückt verdammt schwer. Dann muss ich gleich auch noch zu Johann, Französisch lernen. Ich bin eigentlich ziemlich gut in Französisch, Johann möchte nun mit mir lernen. Johann ist ein guter Kumpel von mir; wir kennen uns seit zehn Jahren. Und doch würde ich es nicht als Freundschaft bezeichnen. Es war eine Zweckgemeinschaft: Auf dem Schulhof der Grundschule standen wir beide alleine da, und freundeten uns schließlich an. So ist das halt. Die Zweckgemeinschaft hielt durch. Wenn wir weiter auseinander wohnen würden, dann hätten wir nichts miteinander zu tun. Kumpels eben. Außenseiter sind alleine, und sie freunden sich nur mit neuen Außenseitern an. Wenn nach dem Abi sich unsere Wege wahrscheinlich scheiden werden, wenn ich durch die Welt ziehe und er seine Studien nachgeht, dann werden wir Fremde. Das eigentlich schlimme aber ist, dass ich das gar nicht schlimm finde. Dann ist er eben weg; tut mir Leid, das so hart sagen zu müssen, aber so ist das halt. Man darf Menschen nicht zu sehr vertrauen, denn sonst verletzen sie dich. Ich habe das zu oft spüren müssen.

Vielleicht hatte ich ja immer die "falschen" Vertrauten. Vielleicht habe ich mich immer geirrt, vielleicht hatte ich auch nur Pech gehabt. Wer weiß. Ich weiß, eigentlich sollte ich nach mehr Freunden suchen. Nach mehr Menschen, denen man sich anvertrauen kann. Aber ich kann es nicht. Es ist schwer, sich aus seiner eigenen Welt zu befreien. Vielleicht sollte man es versuchen. Aber ich bin zerrissen, und dann kommt noch die Angst: Die Angst vor dem Abweisen. Die Angst davor, dass Menschen einen merkwürdig anstarren, wenn man sie um einen Sitzplatz neben einen bittet. Angst lähmt, lähmt die Gedanken, die Reaktionen, die Ideen. Ich habe Angst, manchmal, nicht immer. Es ist die Angst vor der Welt da draußen; der Welt mit ihren Menschen, die durch diese verlorenen Straßen eilen; und doch weiß ich, dass wir ohne sie nicht leben können. Meine Gefühle entziehen sich jeglicher Logik.

Es gibt Tage, wo ich mich selbst hasse. Das sind schreckliche Tage. Ich kann mich nicht im Spiegel anschauen; ich hasse meine Haare, meine Hände, meinen ganzen Körper. Ich hasse mich einfach. Ich habe noch nie geritzt. Wenn ich so weit bin, dann werde ich mich beim Psychologen melden. Dann ist es aus. Aber bei mir wirkt immer eine kleine Barriere; die kleine Barriere der Vernunft; die Barriere, die mich davon abhält, vollends in meine Welt zu entgleiten, und wenigstens etwas Anschluss zu suchen. Ich weiß nicht, wie lange es noch diese Barriere geben wird. Vielleicht ist auch sie verantworlich für meine Zerrissenheit zwischen meiner Welt und der normalen Welt; zwischen alt und neu, zwischen jetzt und bald, zwische hier und dort. Noch lebe ich, und ich werde es weiterhin tun. Die Welt ist nicht nur grau in grau. Es gibt Dinge, für die ich mich begeistern kann. Man darf niemals dahin kommen, dass man gefallen daran findet, sich in der schwärzesten Nacht zu sehen; ich glaube, es gibt viele Menschen, die so denken. Ich weiß, manchmal fand ich auch daran Gefallen; es ist einfacher, traurig zu sein als glücklich. Mein großes Ziel lebt in mir, und die Flamme des Lebens lodert noch.

In manchen Stunden meines Lebens träumte ich nur von der Ferne. Ich bin sehr gut in Erdkunde; mir haben andere Länder und Kulturen immer schon gefallen. Vor allem der Norden faszinierte mich; Sibirien und Schweden mit ihren ewigen Wäldern. Irgendetwas fand ich daran interessant, vielleicht auch herzerwärmend. Vielleicht auch, weil diese Gegenden so anders zu meinem Leben waren, zu meiner Welt, in der ich lebe. Ich träume vom Norden, von Kanada und Alaska auch, und vielleicht werde ich irgendwann dort leben.

Doch die Einsamkeit, die Einsamkeit, sie zerbricht jeden - den einen früher, den anderen später...

27.11.06 17:57, kommentieren

Nomaden der Liebe

Heute habe ich bereits etwas hier geschrieben; aber irgendwie kribbelte es bei mir in den Fingern. Manchmal habe ich einen merkwürdigen Drang zu schreiben, manchmal, nicht immer.

Sonntag ist ein Tag, den ich nur deshalb mag, weil dann frei ist. Es gab allerdings schon Tage, wo ich den Sonntag mehr hasste, als den Montag. Sonntag ist ein Tag, wo bereits der bevorstehende Montag bevorsteht; und damit eine weitere schwere Woche. Alle Wochen sind schwer, und diese ganz besonders: Drei Arbeiten bekomme ich wieder, drei schreibe ich. Was für ein Sysiphos-Programm ! Nun gut, da muss man durch. Man hat eben keine Wahl. Es wird schon weitergehen.

Heute habe ich etwas über einen Tag im März geschrieben. Vielleicht ist ja dem einen oder anderen aufgefallen, dass eine besondere Rolle Aysha spielt. Ja, es ist euch aufgefallen. Früher gab es ein kleines Kino in der Nähe der Hauptpost. Inzwischen ist dieses geschlossen worden, ich war nur einmal drin. Es war die letzte Verabredung mit Aysha, bei der ich mich so bescheuert verhielt; ich tat praktisch alles, damit sie weggeht. Wenn ich Menschen wirklich mag, entferne ich mich von diesen; vielleicht ist es eine Angst, sie zu enttäuschen. Aysha hat dies wohl am stärksten merken müssen, dafür tut sie mir Leid. Im Kino lief ein besonderer Film, "Nomaden der Lüfte". Ja, und ich war der Nomade meiner Welt, wandere von einem Ort zu anderen, ohne jemals eine feste Bindung einzugehen. Und Aysha ? Später sagte sie, wir hätten nichts miteinander zu tun gehabt. So stimmt das nicht, nein, sie lügt. Aber ich merkte nach drei Jahren Möchtegernliebe, dass dies die beste Variante ist. Inzwischen lüge ich auch, und so lügen wir beide. Aber meistens wird dieses Thema nur noch selten angesprochen, und so herrscht lächelndes Schweigen darüber.

Eine kleine Ausnahme bietet da der Physikunterricht. Ich sitze neben Hannah, ein nettes Mädchen, mit dem ich etwas, aber nur etwas, befreundet bin. Daneben sitzt wiederum Miguel. Miguel ist ein netter Junge und er macht kein Geheimnis daraus, dass er sehr, sehr gerne mit Mädchen ausgeht, und vielleicht auch etwas mehr...nunja, schweigen wir darüber, wie Aysha und ich über unsere Treffen schweigen. Miguel ist nett, und ich bewundere ihn dafür, mit dem Leben so locker umzugehen. Viele denken zwar, ich würde dies auch tun, aber es stimmt nicht. Ich rede gerne mit Miguel in Physik über Frauen und Mädchen, oft zur Erheiterung von Hannah, die zwischen uns sitzt. Es ist ein kleines Flüchtlingslager, diese letzte Reihe im Physikraum. Es tut mir gut, befreiend zu reden und dennoch ernst genommen zu werden. Ich bin nicht mit Miguel befreundet, auf keinen Fall; aber er akzeptiert mich so, wie ich bin, und das tut unglaublich gut.

Natürlich fällt oft das Thema auf Aysha. Miguel bewundert mich dafür, etwas, wenn auch noch so klein, mit Aysha gehabt zu haben. Aysha ist zur Zeit in den USA; und doch ist sie das begehrteste Mädchen der Schule. Und da steche ich heraus. Miguel hat uns beide einst gesehen; damals, vor knapp fünf Jahren. Er glaubt Aysha nicht und wenn er zufällig mitbekommt, wie ich erzähle, ich hätte nichts mit Aysha gehabt, lacht er mich aus und ruft nur "Blaue Brücke". Es war an der Blauen Brücke, wo er uns beide gesehen hat. Bis heute erzählt er jedem diese Geschichte. Aber die Leute werfen mir nicht vor, ich hätte gelogen. Man kann damit keine Nägel mehr hauen. Es ist uninteressant. Und darüber bin ich froh.

Die Zeit mit Aysha war dennoch schön. Wir freundeten uns erst an, und erst glaubte ich, mein Liebesbrief sei die Initiative für unsere Treffen gewesen. Es war kein Liebesbrief; es kam nur das Wort mögen vor. Man muss eben vorsichtig sein, dachte ich mir. Die Sorge war unbegründet. Zwei Wochen vorher wollte sie mir etwas bei einem Klassenausflug schenken. Zwei Wochen davor waren wir beide die ersten, die bei einer Party (der allerersten also) getanzt haben. Sie wollte etwas von mir, ich von ihr, und wir beide waren etwas verliebt. Aber wenn ich, wie jetzt, zurückschaue, merke ich, dass es gar nicht so einfach zu sagen ist, ob man verliebt war. Liebesbeziehungen werden beim Zurückblicken hochstilisiert; sie werden mit Emotionen verbunden, die gar nicht da waren. Sie werden verkitscht, sie werden als grandios oder grauenvoll beschrieben; aber meistens als beides. Vielleicht kann etwas mehr Nüchternheit nicht schaden.

Ich habe danach nur Aysha einmal darum gefragt, ob sie Zeit hätte. Und Hannah auch einmal. Beide haben verneint, beide haben es auf ihre eigene Art und Weise getan. Ich kann ihnen das nicht übel nehmen. Besonders gut sehe ich nicht aus (auch wenn man daraus etwas machen könnte, wie Miguel, Hannah und Anne bereits meinten). Charakterlich- nunja, rede ich nicht darüber. Das einzige, was ich einem Mädchen bieten kann, ist eine fremde Welt und neue Sichtweisen; aber man muss schon ziemlich starke Nerven haben, um das durchzustehen. Ich suche nicht nach einer Freundin, der Wunsch ist aber schon da. Noch einmal paradox. Paradox ist beinahe alles in meinem Leben. Mir erscheint vor meinem inneren Auge ein Bild: Eine Klippe, die steil zum Himmel führt; ein Sonne hinter der Klippe, die Silhouette eines Menschen vor diesem Glutball. Und er streckt den Finger nach oben, einfach nach oben.

Mir kommen öfters solche Bilder in den Sinn, ohne sie auch nur etwas zu verstehen. Sie erscheinen plötzlich und erwartet.

Wie die Liebe eben...

 

26.11.06 20:53, kommentieren

Ein Tag im März

Nach knapp zwei Tagen schreibe ich wieder etwas; das Wochenende ist praktisch vorüber, viel verpasst habe ich nicht. Gestern war es überraschend warm; es erinnerte mich an eine Sommernacht, so warm war es. Allerdings hat der Wind stark geweht und so hatte ich an einigen Stellen starken Seitenwind. Freitag- und Samstagabend vergeude ich meine Zeit mit Radfahren; im Dunkeln fühle ich mich besser geschützt. Das mag absurd und bescheuert klingen (und eigentlich ist es auch), aber man fühlt sich fern von den neugierigen Blicken der Welt. Das ist das schöne an der Nacht; und deshalb mag ich sie.

Die Fahrt gestern führte mich weit weg, an jene Straße und durch jenen Ort, mit dem ich viele Erinnerungen verbinde. Die Straße führt schnurgeradeaus. Sie ist breit, viel zu breit, vierspurig, mindestens. Man fährt mit einer unglaublichen Geschwindigkeit hinaus, hinaus aus der Stadt. Die Silhouette verschwindet. Ich mag diese Straße, sie ist die breiteste der ganzen Stadt, sie ist so gerade, sie ist ein Symbol- ein Symbol des Verkehrs, der Mobilität.

Nach einer Weile biege ich rechts ab. Ein Möbelkaufhaus ist in Sicht. Im Dunkeln sah es mit seinem blauen Neonlicht wie der neue Berliner Hauptbahnhof aus. Gigantonistisch. Man fährt über die wichtigste Autobahn Deutschlands. Dann ist man da. Dort. In jenem Ort. Aysha. Meine Pseudofreundin und meine große Pseudoliebe. Aysha. Sie wohnt direkt am Ortseingang, rechts. Jetzt lebt sie gerade in den USA. Auslandsjahr. Aysha. Ach, Aysha, vielleicht habe ich dich wirklich geliebt. In der Erinnerung wirkt der Nebel des Verschleierns.

Es war im März. Aysha hat im März Geburtstag, und Johann wurde eingeladen. Anne außerdem auch und Till sowieso. Der März kann ein schöner Monat sein, muss er aber nicht. Ich wurde nicht eingeladen. Ob ich beleidigt war ? Naja, ehrlich gesagt, ein bisschen schon. Mit Aysha stand ich so ganz gut, und dass Johann und Till eingeladen wurden hat mich schon etwas überrascht. Vor allem Till. Nun gut, ich sage ja immer, ich mag Partys nicht, obwohl ich sie in Wirklichkeit liebe. Ich habe niemanden, mit dem ich auf eine Party gehen könnte; deshalb sage ich einfach, ich mag sie nicht. So einfach ist das. Das Verblüffende: Es wird mir sogar geglaubt. Es passt einfach in das Bild eines Freaks.

Zwei Tage vor der Party kommt Aysha zu mir, drückt mir einen gelben Zettel in die Hand, lächelt mich an.

Du bist eingeladen.

Aha, nachträglich, aber bei Aysha kann und darf man nicht beleidigt sein. Die Party wurde an einem Samstag veranstaltet. Ich war in einem tiefgreifenden Konflikt: Sollte ich nicht gehen (so wie ich es allen immer erzählte, da ich ja keine Partys mag) oder sollte ich gehen (um mir merkwürdige Blicke gefallen zu lassen). Wahrscheinlich rechnete Aysha selbst nicht damit, dass ich kommen würde. Ich glaube, sie kennt mich besser, als mir lieb sein kann.

Ich ging.

Es erinnerte mich an die alten Tage, als ich mit Aysha etwas befreundet war (und manche meinten, wir hätten eine Beziehung gehabt, aber das stimmt eigentlich nicht; es war die Vorstufe zur Liebe und ich wagte es nicht, die nächste Stufe zu betreten). Ich nahm einen merkwürdigen Weg auf mich. Der Zug ins Ausland hält zwei Kilometer von Ayshas Ort. Eine etwas hügelige Straße verbindet Bahnhof und Ort. An jenem Samstag bin ich diesen Weg gegangen. Der Himmel präsentierte sich in ungekannter Weise; dicke, schwarze Wolken wurden vom Wind angekündigt, doch tauchten genauso viele blaue Flecken auf; der Himmel schien in dauernder Bewegung. Es bewegt sich etwas ! In meinem Leben ?

Die Party war wunderschön. Doch wenn ich zurückblicke, mag ich nicht mehr daran denken. Es kommt mir unangenehm vor. Dieses Gefühl ist mir unerklärlich. Habe ich vor etwas Angst ? Man muss sich entscheiden: Freak oder Mainstream. Ich habe mich fürs erstere entschieden, vielleicht sogar entscheiden müssen. Partys passen da nicht hinein. Ich fühle mich zerrissen, ach was, ich bin es doch. Zerrissen zwischen den Polen der Gesellschaft.

Ich habe die Pubertät eigentlich schon hinter mir. Ich bin 17, die Akne im Gesicht wird tatsächlich weniger. Ich muss mich rasieren, ich bin gewachsen, meine Stimme tiefer geworden. Körperlich passt es in die Norm. Aber gedanklich ? Persönlich habe ich mich nur wenig verändert. Ich sehe kaum einen Unterschied dazwischen, wie ich mit 12 Jahren dachte und wie ich jetzt denke. Sicherlich, man hat einen anderen Wortschatz, sicherlich, man artikuliert anders. Aber eine Veränderung ? Eine richtige Veränderung ? Nein, die habe ich nicht erlebt. Ich zeichen immer noch fiktive Karten von fiktiven Ländern mit ihren fiktiven Städten. Ich denke mir noch immer eine Traumwelt, ich bin immer noch sarkastisch. Ich kann mich immer noch für Brio-Bahn begeistern. Was bin ich kindisch ! Ich mag diesen Normdruck nicht, der von allen Seiten der Gesellschaft drückt. Mit 15 erste Freundin, mit 17 ersten Sex. Mit 14 spielt man nicht mehr mit kindlichen Sachen. Mit 15 Jahren muss dein Zimmer jugendlich aussehen. Mit 12 muss du zum ersten Mal geküsst haben. Mit 15 deinen ersten Alkoholrausch.Ich weiß, viele denken, man soll stolz darauf sein, dass man anders ist. Ist doch toll ! Und wer sagt das ? Die Leute, die normiert sind. Ach ja, diese Welt benötigt den normierten Menschen. Von normiert zu uniformiert ist es nur ein kleiner Schritt...oh Gott, was schreibe ich da für Worte ! Naja, man wird eben sarkastisch.

Einen große Seufzer für alle Menschen dieser Welt !

26.11.06 11:13, kommentieren

Anne

Meine Virusdatenbank wurde aktualisiert, wo ich damit beginne, etwas über den heutigen Tag zu schreiben. Er ist noch nícht vorbei, ich weiß. Aber mir soll es nun egal sein.

Die Welt vergisst sich im Regen; es regnet ununterbrochen, und wenn nicht, dann steht sie kurz davor. Der Herbst ist praktisch vorbei, er verabschiedet sich schmutzig und grau; wie jedes Jahr. Der Winter klopft an die Tür. Nicht mit den Temperaturen, sondern mit den Bäumen und Blättern. Die gelben Blätter ergeben eine dicke, feuchte und matschige Schicht. Merkwürdigerweise sind dieses Jahr beinahe alle Blätter gelb. Die rötlichen scheint es dieses Jahr nicht mehr zu geben. Vielleicht hatte der liebe Gott etwas gegen rote Blätter.

Heute hatte ich eine einzelne Deutschstunde. Es war die erste Deutschstunde nach jenem Tag, wo mein Vater meine Deutschlehrerin besuchte. Sie meinte ich sei Klassenbester. Und hätte viel, viel mehr Potenzial. Aha. Die Aussage nahm ich überraschend wahr, schrieb ich doch eine zwei plus. Egal. Dieser Blog soll nicht dazu dienen, meine Schulleistungen nach Noten zu kommentieren. Schule ist mehr als nur Noten. Ärger zum Beispiel. Oder Freunde, die keine Freunde sind. Nein, ich will mich nicht zu schlecht reden, als ich bin. So schlimm steht es nicht um mich. Aber an manchen Tagen denke ich schon so...eben nur an manchen Tagen. Es gibt Tage, die mich in himmelhochjauchzende Höhen kapitulieren, wo die Welt ein buntes Farbenmeer ist. Und dann folgen jene Tage, die ich in der einsamen Trübsal verbringe, in der die Welt grau und das eigene Leben schwarz aussehen. Gegensätze ziehen sich an. In der Liebe, in der Physik, im Leben...

Gestern Abend habe ich eine Dokumentation namens "Menschen hautnah" gesehen. Sie läuft auf WDR. Ich habe sie noch nie geschaut. Das liegt vor allem am späten Sendetermin: 22:30 Uhr. Aber diesmal habe ich es getan. Es ging darum, wie sich Menschen mit 18 fühlen. In der Liebe. Ja, die Liebe, darüber habe ich schon gestern hier geschrieben. Ich sehe ein Fenster, oder eine Veranda. Im Hintergrund eine große, weite, braun-violette Landschaft, ohne Gras. Ich kann nicht sagen, ob es Steppe oder Tundra ist. Ich sehe ein Mädchen mit langen braunen Haaren, wie sie auf der Veranda steht oder an diesem Fenster ihren Platz gefunden hat. Das Haar weht im Wind. Freiheit. Sehnsucht. Und dennoch Melancholie. Alles wirkt dunkel, alles aber auch violett. Ich kann mir dieses Bild nicht erklären. Es erschien einfach.

So erscheint vieles im Leben, plötzlich und erwartet, erschreckend und bestürzend. So funktioniert das eben.

Heute hatten wir Sport. Ich hasse die Sportstunden. Oder besser gesagt: Die jetzigen Sportstunden. Bei einigen Unterrichtsreihen habe ich Spaß, bei den meisten nicht. Dazu zieht Sport den Tag richtig auseinander. Johann und Anne sind auch bei mir im Kurs. Johann und Anne sind befreundet. Johann und Anne sind aber nicht verliebt. Ich bin nicht in Anne verliebt. Johann ist nicht in Anne verliebt. Aber Anne ist irgendwie süß. Sie sieht sehr gut aus, mit ihrem braun-blonden Haar. Und ihren t-Shirts. Sie hat einfach einen guten Geschmack. Das fehlt vielen Mädchen, nein, das fehlt vielen Menschen...Anne finde ich einfach süß, mehr nicht. Wir sind etwas mehr im Kontakt, durch Johann natürlich, und einmal wollten wir sogar zusammen ins Kino gehen; das hat sich aber im Nachhinein einfach zerschlagen. Ich bin oft sarkastisch zu ihr, zu oft, aber sie nimmt das offenbar nicht so ernst. Schließlich bin ich auch oft sarkastisch zu mir selbst. Sarkasmus hat einen Nachteil, wenn man es ernst meint, nimmt der Gegenüber dich nicht ernst. Aber das ist ein Nachteil, über den man hinwegsehen kann.

Ich mag Anne. Aber Liebe....nein. Ich mag sie einfach, aber niemals würde ich anfangen, sie zu lieben. Ich lebe in einem Alter, in der sich praktisch alles um die Liebe dreht. Wer mit wem, wo und wann. Doch in meinem Alter wird sie viel ernster genommen. Und wenn sie nicht kommt, dann versucht man sie zu erzwingen. Liebe ist eine scheue Zier, aber schade finde ich es, dass sie so kommerzialisiert und verkitscht wird. Liebe auf Knopfdruck, das fehlt unser technischen Gesellschaft noch. Es lebe die Liebespille ! Menschen, die sich unter Druck gesetzt fühlen, hängen sich jedem an den Hals. Und denken gleich, es sei die große Liebe. Was ist schon große Liebe ? Die Gefühle verspotten den Verstand.

Jaja, die Gefühle verspotten den Verstand, weil der Verstand denkt, er verspotte die Gefühle.

23.11.06 17:26, kommentieren